Ein Haushalt voller Illusionen
Ein Kommentar von Nikolaus Piper, New York
14.02.2012
Mit dem Haushaltsentwurf
für 2013 erhält Obamas Präsidentschaft eine tragische Komponente. Viele seiner Pläne wären
ja richtig, sie haben im
Repräsentantenhaus jedoch nicht den Hauch einer Chance. Amerika hat vier Jahre verloren
- und Obama liefert mit seinem Budgetplan vor allem Munition
für ideologische Schlachten.
Das Amt prägt seinen Inhaber. Selten konnte man dies so gut beobachten wie bei Barack Obama während der bisherigen drei Jahre seiner
Präsidentschaft. Der Mann, der
einst antrat mit dem Versprechen,
"Hoffnung" zu bringen und "Wandel, an den wir glauben
können", legte nun den
letzten Haushaltsentwurf seiner ersten Amtsperiode
vor.
Es ist
ein Haushalt voller Illusionen. Obama verspricht einen Wandel, an den niemand mehr glaubt: eine
Reichensteuer, Investitionen
in Bildung, Industrie und Infrastruktur, und das bei einem Defizit
von mehr als 1,3 Billion Dollar. Mit 7,5 bis acht
Prozent der Wirtschaftsleistung ist das US-Budget nicht so furchtbar weit von griechischen Verhältnissen entfernt.
Obamas Präsidentschaft bekommt hier eine
tragische Komponente. Es wäre ja richtig,
das amerikanische Steuersystem wieder in die
Balance zu bringen. Ohne Steuererhöhungen ist eine Lösung
der Haushaltsprobleme nicht denkbar. Es wäre auch richtig,
in neue Straßen und Schienen, in Leitungsnetze und in
die Flugsicherung zu investieren. Erst recht wäre es
nötig, Milliarden in das marode Bildungssystem
zu stecken.
Aber all diese guten Pläne haben
nicht den Hauch einer Chance, das republikanisch beherrschte Repräsentantenhaus zu passieren. Die Aussicht auf Kompromisse mit der anderen Seite
ist im Wahljahr
gleich null. So ist das Budget vor allem eines: die Vorlage für einen
ziemlich populistischen Wahlkampf durch das Weiße Haus.
Es bleiben
vor allem das Defizit und die Staatsschulden. Obamas Haushaltsdirektor Jack Lew hat ja recht, wenn
er sagt: "Jetzt ist nicht
die Zeit für Austerität."
Will heißen: Die Wirtschaft
ist noch zu schwach, als
dass sie massive staatliche Sparpolitik aushalten würde. Tatsächlich haben ja, wie die niedrigen
Zinsen zeigen, die Finanzmärkte trotz des Defizits den Glauben an Amerika nicht verloren.
Das ist der
Unterschied zu Griechenland.
Amerika wird für
das Defizit zunächst auch belohnt:
Das Land vermeidet die Rezession und genießt einen moderaten Aufschwung. Die weltwirtschaftlichen
Konsequenzen dieser Konstellation sollte man allerdings nicht unterschätzen: Die Deutschen sind mit ihrem
Sparkurs isolierter denn je. Sie
werden, je nach Fortgang der
Euro-Krise, aus Washington unter Druck gesetzt
werden. Wer Geld hat, sollte es auch
ausgeben, sagen die Leute aus Obamas
Wirtschaftsteam.
Die Logik
hat sich umgedreht
Aber wie nachhaltig
ist das alles?
Zu Beginn der Amtszeit Obamas
2009 schien die Grundlinie klar zu sein:
Man muss erst mit viel Geld den Absturz in die
Depression verhindern, dann
muss man den systematischen Abbau
der Staatsschulden vorbereiten. Diese rationale Strategie hat sich in der Realität des Washingtoner Parteienkampfs zerschlagen. Alle wissen, dass der
Etat nur saniert werden kann, wenn die amerikanischen Sozialsysteme - Rente und Krankenversicherung der Rentner - radikal
reformiert werden.
Wer solche Themen
jedoch angeht, begeht politischen Selbstmord, vermutlich nicht nur in Washington. Wer Opfer verlangt,
wird abgewählt. Deshalb hat sich die Logik umgedreht: Die Debatte um die Sozialsysteme findet nicht statt,
stattdessen zwingen die Republikaner Obama in einen absurden Kürzungswettlauf bei kurzfristigen, meist sehr sinnvollen
Ausgaben.
Amerika hat vier Jahre verloren. Kann es sie
aufholen? Was Europäer leicht unterschätzen: Die USA haben, auch wenn
die verfallende Infrastruktur
etwas anderes nahelegt, eine dynamische und hochproduktive Volkswirtschaft. Diese Wirtschaft hält mehr politische Fehler aus als
die europäische, deshalb können die USA aus einem Teil der
Probleme einfach herauswachsen. Aber die Fehlertoleranz ist nicht unbegrenzt. Der nächste Präsident muss beim Budget Führung zeigen. Angesichts der republikanischen Bewerber wünscht man sich trotz allem,
dass er wieder
Obama heißt.