Gefährliche Mission

 

Das Parlament hat ein Gesetz über den Abfall vom Islam verabschiedet. Noch ist offen, ob es in Kraft tritt. Betroffene praktizieren ihren Glauben schon heute nur im Geheimen.

 

Von Dr. Wahied Wahdat-Hagh

 

Das Regime in Teheran sendet zurzeit unterschiedliche Signale, ob die Todesstrafe für Muslime, die den Islam verlassen, weil sie zum Christentum konvertieren, im Strafgesetzbuch festgeschrieben wird. Darüber sollte im Herbst endgültig entschieden werden. Der Gesetzentwurf war in einer ersten Lesung vom Parlament in Teheran im September vergangenen Jahres mit großer Mehrheit verabschiedet worden. 196 Abgeordnete stimmten mit Ja, nur sieben mit Nein, zwei enthielten sich der Stimme.

 

Nun soll angeblich das Parlament die beabsichtigte Änderung im Strafrecht gestrichen haben. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Parlament, Hojatoleslam Ali Schahroki, soll Medienberichten zufolge am 27. Juni über den Beschluss informiert haben, dass im neuen Gesetz der Abfall vom Islam gar nicht erwähnt werde. Laut Meldung der Nachrichtenagentur Farsi Christian News Network (FCNN) sind die Christen im Iran über diese Aussage erstaunt und irritiert. Tatsächlich entscheiden der Wächterrat und der Revolutionsführer in letzter Instanz über diese noch offene Frage.

 

 

Die innerislamistischen Auseinandersetzungen um die Strafgesetzgebung werden immer sichtbarer. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit den Protesten nach der umstrittenen Präsidentenwahl. Joseph K. Grieboski, Präsident des Instituts für Religion und öffentliche Politik in Washington, sieht darin kein Zeichen der Öffnung, sondern nur Selbstschutz des Regimes: „Würde das Regime die Präsidentschaft von Machmud Achmadinedschad hochhalten und dann ein restriktives Strafrecht durchsetzen, würde der internationale Druck auf den Iran für das Regime untragbar werden.“ Nach Ansicht der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ist die angekündigte Zurücknahme des Gesetzesentwurfs ein „rein kosmetischer Schachzug“. Nach wie vor gibt es im Iran nach islamischem Recht die Möglichkeit, vom Islam Abgefallene hinzurichten.

 

Die Bestrafung des Abfalls vom Islam, der Apostasie, wurde bisher im Iran willkürlich praktiziert. In einem Strafgesetz festgeschrieben, wäre künftig jedes iranische Gericht daran gebunden. Fest steht, dass nach wie vor aus dem Islam konvertierte Christen verhaftet und verurteilt werden. Es geht dabei nicht um die sogenannten ethnischen Christen, die Mitglieder der armenischen und assyrischen Kirche, sondern vor allem um evangelikale Christen, die aktiv Mission betreiben. Die unabhängige regimekritische Internet-AgenturRoozonlineberichtete am 15. Juli, dass zwei Frauen, die 30-jährige Marsiye Aminsadeh und die 27 Jahre alte Mariam Rostampur vor rund vier Monaten in Teheran verhaftet worden sind. Sie waren Sozialarbeiterinnen und halfen unentgeltlich Menschen, die Probleme hatten, gleich, welcher Rasse und Religion sie angehörten. Den zwei Christinnen werden Apostasie und Verstöße gegen die nationale Sicherheit vorgeworfen. Sie befinden sich in dem berüchtigten Evin-Gefängnis. Wegen der täglichen Verhöre soll ihr Zustand sehr schlecht sein. Sie haben keinen Anwalt und keine medizinische Hilfe bekommen. LautRoozonlinebefinden sich zur Zeit mindestens 50 Christen in iranischen Gefängnissen, unter anderem in Teheran, Schiras, Maschad und Urumije.

 

Die jüngsten politischen Ereignisse im Iran brachten eine neue Phase des Erstarkens der totalitären Diktatur. Der Druck auf die iranischen Christen wächst in dem Moment, in dem ausländischen Mächten etwa die Schuld an den Unruhen gegeben wird, die infolge der Wahlfälschungen ausgebrochen sind. Den iranischen Christen ist das Argument der Einflussnahme fremder Mächte bekannt, da ihnen unter dem islamistischen Regime immer schon vorgeworfen worden ist, vom Westen beeinflusst zu sein. Der Hintergrund für diese Vorwürfe: Iranische Christen sind oft in Kontakt mit europäischen oder US-amerikanischen Kirchen und sind mit deren Netzwerken verbunden. Das Regime setzt hier an und wirft ihnen sogar Auslandsspionage vor. Iranische Christen werden immer wieder als Geisel für die Probleme des Regimes mit dem Westen genommen.

 

Die Zusammenarbeit mit christlichen Websites oder christlichen Fernsehsendern, die ihre Programme über Satellit ausstrahlen, findet gezwungenermaßen heimlich statt. Die Christen im Iran sind aber auf den Informationsfluss genau dieser Medien angewiesen, da mit Hilfe moderner Technologien die persischsprachige Bibel, christliche Kinderbücher und Gebete verbreitet werden. Die Agentur FCNNeine Hauptquelle für Nachrichten über christliche Kirchen und Gemeinschaften im Iran – berichtet von Hunderttausenden Iranern, die die Botschaft von Jesus Christus annehmen würden. Daher müssten die iranischen Christen mit einer neuen Welle der Unterdrückung und Verfolgung rechnen.

 

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Einschätzung, wie die iranischen Christen sich bei den letzten Wahlen verhalten haben. Eine Mehrheit, die an den Wahlen teilgenommen hat, soll den iranischen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi gewählt haben, weil man hoffte, „schlimm sei besser als noch schlimmer“. Die Wahlen aber hätten klar gezeigt: Das politische System des „Welajate Fakiherlaube es nicht, dass eine andere politische Position ernsthaft zum Zuge komme. Diejenigen, die geglaubt haben, im Iran herrsche eineminimale Demokratie“, seien eines Besseren belehrt worden, berichtet FCNN.

 

In einem weiteren Bericht dieser Agentur werden deutliche Positionen vertreten: „Es gibt einen politischen Machtkampf zwischen zwei Elementen, die beide despotisch und repressiv sind. Es gibt keinen Kampf zwischen Despotie und Freiheit. Daher wird man sicher mit noch mehr Druck auf die Kirche rechnen müssen. Wir wissen, dass uns schwere Zeiten bevorstehen. Dennoch werden die iranischen Christen den neuen Glauben, den sie angenommen haben, unter keinen Umständen aufgeben.“ Infolge der letzten Unruhen und Repressionen verlassen aber immer mehr iranische Christen den Iran. Seit der ersten Regierung von Achmadinedschad ist die Lage der iranischen Christen viel schlimmer geworden. Wie die Bedrohungen in Zukunft aussehen könnten, ist noch nicht klar. Gleichzeitig berichtet FCNN von einem Anwachsen des Interesses der iranischen Jugend für das Christentum. Mindestens 70 Prozent der Iraner sollen mehr Freiheiten für religiöse Minderheiten und eine Trennung von Staat und Religion befürworten. Je mehr die Menschen die Gewalt der despotischen Herrschaft spüren würden, desto mehr würden sie sich vom Christentum angezogen fühlen.

 

Josef Hovsepian, der Sohn des iranischen Bischofs Haik Hovsepian-Mehr, der 1993 entführt und getötet worden ist, sagte am 4. Juli dieses Jahres in einem Gespräch mit der Agentur, dass „in Zeiten der Krise die Einheit der Gemeinden gefestigtwerde. Besonders „die Jugend sucht eine Religion, die ihr nicht zwanghaft auferlegt worden ist“.

 

Eine Christin erinnert im Gespräch an die Zeit vor der islamischen Revolution von 1979, als sie mit anderen Christen, Juden, Bahai und Anhängern des Zoroastrismus in der Stadt Schiras glücklich zusammenlebte. In den 1980er-Jahren aber seien zwei ihrer Freundinnen eines Tages von fremden Männern aus der Schulklasse abgeholt worden. Später habe sie von deren Mutter erfahren, dass ihr Vater, ein Bahai, verhaftet und hingerichtet worden sei. In ihrer Familie ging man nun davon aus, dass die Situation der Christen sich ähnlich verschlimmern werde.

 

Inmitten der Bedrohung und Verfolgung gibt es aber immer wieder auch Ereignisse, die einen Anflug von Heiterkeit zeigen. So wird erzählt, dass eines Tages die Satellitenschüssel eines iranischen Pfarrers vom Dach seines Hauses gestohlen wurde. Der Dieb habe sich einige christliche Sendungen angeschaut und sei daraufhin Mitglied einer illegalen Hauskirche geworden.

 

Die Hauskirchenbewegung bleibt gefährdet und im Untergrund, da in den offiziellen Kirchen noch nicht einmal auf Persisch gepredigt werden dürfe, weil die Machthaber Angst haben, dass sich noch mehr Menschen vom Christentum angezogen fühlen könnten. Erst im Mai dieses Jahres wurde eine Hauskirche in Karadsch von paramilitärischen Bassidsch-Einheiten entdeckt und überfallen. Die Mitglieder der Hauskirche wurden verhaftet.