Islamismusdebatte: Natürlich ist es
unbequem!
11. Okt
2010
Muslimische Ehrenmorde in Italien, christlich-orthodoxe Homophobie in Belgrad, religiös unterfütterter Polit-Fundamentalismus in den USA und ein
deutscher Bundespräsident, der nicht weiss,
was für eine Geschichte sein eigenes Land hat...
Das momentane
Problem Europas und des Westens
mit dem Islam ist Realität. Doch
es ist nicht
das Problem eines, wie Bundespräsident Wulff es meinte, christlich-jüdischen,
sondern jenes eines aufgeklärten, säkularen Europas. Das christlich-jüdische Europa, das es über Jahrhunderte
gab, war ein virulent antisemitischer
Kontinent, in dem das kleine Pogrom zwischendurch immer wieder zur
Entschuldung und zur Beschaffung neuer Siedlungsflächen angewendet wurde. Zuletzt in den KZ's des Dritten Reichs.
Das ist
dann der Moment, wo Hitlerjunge Ratzinger davon salbadert, dass dies die Tat eines atheistischen Regimes gewesen sei. Naja...
sicher, Hitler und seine Kamarilla
waren tatsächlich nicht mehr in der
Kirche, doch fast alle Bischöfe, ob katholisch oder reformiert, segneten die deutschen Waffen, hatten keine Hemmung,
sich an Hitlers Seite zu stellen.
Und wie atheistisch war wohl ein Regime, das auf den Gürtelschnallen aller Soldaten die Aufschrift «Gott mit uns»
einprägen liess?
Kam dazu, dass
der Nationalsozialismus keine aufgeklärte Ideologie, sondern eine krude Mischung
aus völkisch-rassistischen Mythen, irren Idealen
und Personenkult war. Hitler erhob
sich selbst in eine Gottes-Stellvertreter-Position,
aus der heraus
er der «Vorsehung»
gemäss zu folgen hatte... ein Konzept, das ebenso im Christentum
und Islam vorkommt.
Und schliesslich
wird das «christliche», «jüdische» oder auch «islamische» Europa noch durch
einen weiteren Fakt ad absurdum geführt: der grösste Teil
der Bevölkerung ist konfessionslos. In jüngerer Zeit war es allerdings ausgerechnet Barack
Obama in den wesentlich religiöseren
USA, der bei seiner Amtseinführung als praktisch erster Politiker auch ausdrücklich diese Gruppe angesprochen hat. Wulff befand es
nicht nötig, dies zu machen, doch
irgendwie kann das auch nicht verwundern,
ist er doch
mit teils radikal evangelikalen Organisationen verbandelt, die nach dem Vorbild
amerikanischer Freikirchen sogenannte «Erweckungsgottesdienste»
veranstalten, mit dem Ziel, das letzte
bisschen Verstand zu betäuben.
Deshalb mal ganz klipp und klar: Wir leben in einem
aufgeklärten, einem säkularen, einem toleranten Europa. Die wichtigen Dinge, die unseren Alltag definieren (und die zum Teil leider immer
noch nicht ganz verwirklicht sind) wie Demokratie,
Redefreiheit, Religionsfreiheit,
gleiche Rechte für Mann und Frau, die Rechte der Homosexuellen, Rechtsgleichheit für alle, Gewaltentrennung im Staat, Rechenschaftspflicht
auch für Regierungsmitglieder, Schulpflicht,
das Recht auf Unversehrtheit
und seine eigene Würde sind alles Dinge,
die GEGEN den Widerstand der Kirche und Religionen erkämpft wurden. Die Aufklärung war wohl eine der
gottlosesten Zeiten und sie brachte uns
mehr Freiheit als 1500 Jahre Christentum zuvor.
Wenn sich jetzt
Christen grossspurig als Verteidiger dieser Errungenschaften gegen den radikalen Islam hinstellen, so ist dies eine Absurdität,
nein, eine Perversion. Eben
erst gab es in Belgrad von radikal-orthodoxen
Christen mit veranstaltete Krawalle am Rande eines Marsches von Homosexuellen und in den USA wird
von evangelikalen Christen aktiv
Hetze gegen Schwule, gegen Schwarze und Latinos betrieben.
Wenn das aufgeklärte Europa nicht wieder
ein Ort des religiös motivierten Schlachtens werden will (jemand Lust auf einen 30-jährigen Krieg?), wird es höchste Zeit, dass wir die Werte
der Aufklärung verteidigen und zwar bis ins Kleinste!
Das beginnt
beim Wahnsinn, dass Scharia-Gesetze für Privat-Recht bei Muslimen angewandt
wird (wie in Deutschland geschehen) – fertig damit. Es gilt das Recht aus dem nationalen
Gesetzbuch – wer die Scharia haben will, soll gefälligst nach Pakistan oder Saudi-Arabien!
Zwangsehen und ähnlicher Kokolores werden verboten. Jungen muslimischen Frauen – gegebenenfalls auch Männern – muss Schutz vor Familiengewalt geboten werden, wenn sie sich
weigern, ein vorbestimmtes Leben zu Leben. Anlaufstellen
und Schutzplätze einerseits,
massive Strafen für familiäre Gewalt (diese natürlich nicht nur für
Muslime) andererseits, müssen diesen Schutz
flankieren. Die Schulpflicht
gilt vollumfänglich für alle Kinder und wird notfalls mit polizeilicher
Gewalt durchgesetzt.
Prediger jeglicher Religion, die
Religions-, Rassenhass und den heiligen
Krieg predigen, werden entweder sofort ausgewiesen oder, bei Einheimischen, mit einem Predigtverbot
belegt. Kurz: Aufruf zu Straftaten
im religiösen Mäntelchen gehören verboten.
Andererseits muss auch die Diskriminierung von Ausländern bekämpft werden, gibt es doch
fast kein besseres Mittel, jemanden in den Radikalismus zu hetzen, als die gesellschaftliche Ausgrenzung.
Und das sind
nur einige wenige Punkte von einem viel grösseren
Katalog, der durchgesetzt werden muss, wenn wir unser
aufgeklärt-säkulares Europa
bewahren wollen. Tönt das anstrengend? Natürlich! Es ist auch anstrengend. Der Kampf um unsere Freiheiten war lange, teils blutig. Sogar
in der Schweiz hatten wir einen
kurzen Bürgerkrieg, in dem die liberalen Kantone den katholischen, direkt von Rom gesteuerten Sonderbund niederwerfen mussten, so dass 1848 ein freiheitlicher Bundesstaat gegründet werden konnte.
Die Herausforderungen
waren damals nicht kleiner als
heute. Die grösste Gefahr ist es
im Moment, dass wir glauben, mit
Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit
die wachsenden Probleme aussitzen zu können.
(von Patrik Etschmayer /news.ch)