Frühlingsgefühle auf den Gipfeln

 

von Patrik Etschmayer / Montag, 6. April 2009

 

Es war schon fast Polit-Pornographie, was wir in den letzten Tagen erleben durften. Ein Höhepunkt reihte sich an den nächsten. Selbst die gröbsten Differenzen schienen sich mit einem Male aufzulösen in Wohlgefallen neben weissen, grauen und schwarzen Listen. Und wenn ein unbequemer Däne die Nato leiten soll, dann steckt man der Türkei schnell ein paar Zugeständnisse was den EU-Beitritt angeht, unter dem Tisch durch zu.

 

Dabei war der neue US-Präsident Barack Obama fast non-stop tätig und vermutlich hat er so die Rolle der USA für einige Zeit entscheidend gestärkt. Dass er dabei sogar ein Schuldeingeständnis darüber machte, dass die USA der Ursprungsort der momentanen Krise gewesen sei, ist dabei wie eine Bombe eingeschlagen. Scheinbar ist es unter Politikern – und je höher ihre Posten, desto mehr scheint dies der Fall zu seinimmer noch fast unmöglich (ob aus psychischen oder physischen Gründen) für irgend etwas Schlechtes die Verantwortung zu übernehmen. Und dies selbst bei offensichtlichsten Dingen.

 

Bei diesem ganzen Geschmuse der Grossmächte und derer, die sich dafür halten, fühlten sich viele kleinere Länder ziemlich erdrückt. Nicht zuletzt die Luxemburger, die Österreicher und die Schweizer. Denn diese fanden sich plötzlich auf einer von Nicolas Sarkozy drohend geschwenkten grauen Liste wieder, während unter der Verwaltung von G-20 Nationen stehende Territorien wie Guernsey, Jersey und Macao noch schnell auf die weisse Liste geschoben wurden.

 

Mit grossem Tamtam wurde bei der Präsentation dieser Listen auch noch das Ende des Bankkundengeheimnisses proklamiert und so getan, als wären diese 'Steuerparadiese' (der Terminologie nach müssten die anderen Länder also Steuerhöllen sein), mit am meisten an der Finanzkrise schuld. Denn auch wenn Obama zugegeben hatte, dass die USA im Zentrum des Desasters stehen, so müssen doch andere als Sündenböcke her halten.

 

Was im ganzen Trubel niemandem aufzufallen scheint, ist, dass trotz grosser Worte und dem Versprechen, nun alles viel besser Regulieren zu wollen, eigentlich genau gleich weiter gewurstelt wirdnur mit ganz viel Staatsgeld, dass die G20 in den Markt schmeissen und dem vielfach kein konkreter Wert gegenüber steht.

 

Wenn einen die Erinnerung nicht täuscht, wurde die Krise ja erst durch zu viel Liquidität, die mit zu wenigen Werten und Leistungen gestützt war, ausgelöst, ermöglicht durch die Billig-Geld-Politik der Amerikanischen Notenbank. Das ganze war ein gigantisches Pyramidensystem, das von der Fed gestützt und von einer Wirtschaft, die blind an Quartalszahlen und kurzfristige Gewinne glaubte, angetrieben wurde und ob dem alle scheinbar eines vergessen hatten: Geld an sich ist wertlos.

 

Geld ist nur ein Symbol, ein Tauschmittel, das erlaubt, Leistungen und Waren zu konvertieren ohne direkt tauschen zu müssen. Kapital und Geld als geronnene Arbeit zu bezeichnen war von Marx durchaus zutreffend. Doch irgendwann wurde dank des irren Mantras des Shareholder-Values und dank Bewertungsvorschriften, die nichts mehr mit der wirklichen Welt zu tun haben, das Geld von der Leistung und vom Erschaffen von Werten abgekoppelt. Spitzenreiter waren auch hier die USA, denen aber das Finanzzentrum London dicht auf den Fersen folgte.

 

Von einer Abkehr von dieser Wolkenkuckucksheim-Ökonomie war an den ganzen Gipfeln nichts zu hören. Weder Merkel noch Hu, Medwedew, Sarkozy, Brown oder gar Obama sagten etwas dazu oder propagierten einen Bruch mit dieser gefährlichen wirtschaftlichen Geisteskrankheit. Was einen die Frage stellen lässt, ob die Frühlingsgefühle auf den Gipfeln nicht manchen etwas zu sehr zu Kopfe gestiegen sind.