Liebes Occupy Wall Street
Von Mely
Kiyak
Der amerikanische
Traum ist
in Gefahr. Die Wall Street wird
besetzt – das Mega-Ereignis des Jahrhunderts!
Mein ganzes Leben
lang habe
ich die Tellerwäscher-Story
gehört. In Amerika kannst du es schaffen,
wenn du es willst! Heute verkaufst du einen
Hotdog aus deinem Bauchladen, aber schon morgen könntest
du der Besitzer einer Hotdog-Kette mit Standorten auf der ganzen Welt sein. Du bist ein Schulversager, aber irgendwie trotzdem in der Lage, ein paar
Nullen und Einser zu programmieren, und dann gehört dir nicht nur eine
Computerfirma, sondern, du sitzt mit den Mächtigen
der Welt an einem Tisch, die dich darum anbetteln, ihren Wahlkampf zu unterstützen.
If you make it there, you can
make it anywhere. Leute, Leser
und people in aller Welt, seit
ein paar Wochen ist
der american dream in Gefahr. Die nation building Story Nummer
1: nämlich, dass es an deinen Talenten
liegt, ob du gut leben wirst. Wenn sich,
wie in New York geschehen, tausende Menschen einer Bewegung anschließen, die „Besetzt die
Wall Street“ heißt, dann, Leute, Leser und people all over
the world, ist es DAS Megaereignis des Jahrhunderts!
Die Anti-Wall-Street-Bewegung campiert im Zuccotti Park, um Angestellte daran zu hindern,
auf „ihr Parkett“ zu gelangen.
Es fing im
September mit ein paar hundert Leuten
an, es werden immer mehr, vergangene
Woche waren zwölftausend Menschen auf den Straßen New Yorks. Sie fordern eine gerechtere
Verteilung von Vermögen und
Verlusten. Die Menschen
verbindet ihr Groll, dabei zuzusehen,
wie ihr Staat
sich vor der Macht der
Finanzmärkte duckt, nachgibt und schwächelt.
Während wir hier
in Deutschland unseren Gram bislang
noch durch ein paar tapfere
Oppositionelle in Talkshows
kanalisieren ließen, statt ohne Fahrkarten
im ICE nach Frankfurt zu fahren und mitten im Bankenviertel zu zelten, sind es mal wieder die anderen Nationen, die uns vorführen, wie man seine Regierung nervös machen kann.
Der New Yorker Bürgermeister, der noch vor einigen
Wochen die Proteste nicht ernst nahm
und nun, nachdem auch Prominente wie Susan Sarandon,
Michael Moore, Alec Baldwin im Zuccotti
Camp einen Becher Tee tranken und selbst Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz
bestätigt, dass die ungleichen Verhältnisse in der Bevölkerung nicht individuelle, sondern strukturelle Gründe haben, winselt
Michael Bloomberg um Aufgabe des Camps, weil sich die Proteste
schädigend auf den Tourismus
auswirken könnten. Zudem würde die Wall Street Arbeitsplätze sichern. Hat schon jemand
einen lächerlicheren und armseligeren Jammerlappen gesehen?
Das muss er einmal
erklären, für wen die wohltätige Wall Street Arbeitsplätze schafft und sichert! Die Finanzmärkte haben durch ihren
Renditefetischismus Arbeitsplätze
und Kapitalvermögen zerstört,
oder bin ich
jetzt vollkommen bekloppt geworden?
In Deutschland gestellte Forderungen nach Mindestlöhnen, Transaktionssteuer, gerechterem Steuersystem, höherer Besteuerung der Konzerne, Energiewende, können übrigens nicht mehr lange
mit dem Argument abgeschmettert werden, dass es nichts
nützen würde, nationale Gesetze zu verabschieden. Wahr ist,
dass die Menschen auf der ganzen Welt dieselben Forderungen haben. Sie wollen von ihrer
Arbeit leben können und ihr erwirtschaftetes Kapital gerecht und sinnvoll verteilt wissen. Sie fordern es überall,
ab heute auch in Frankfurt.
Ihre Mely Kiyak