Die Klimadeppen
Manche lernen's nie. Statt die Gletscherschmelze zu bekämpfen, spekulieren sie auf Öl und Gas unter dem Grönland-Eis.
Überschwemmungen in Pakistan, Erdrutsche in
China, Feuersbrünste in Russland,
Tropenstürme auf den Philippinen
und die Ölpest im Golf von Mexiko. Eine dramatischere
Lage hätte man sich für die UN-Klimakonferenz in Bonn kaum denken können. Selbst solch schrille
Alarmsignale brachten die Klimadiplomaten zu keinem Ergebnis. Statt endlich die Handbremse zu ziehen
und sich auf verbindliche
CO2-Reduktionen zu verständigen,
bliesen die herbeigejetteten
Regierungsvertreter aus aller Welt selbst wieder kräftig Kohlendioxid in die Atmosphäre.
Das störte weder die Teilnehmer noch die Medien, die der aufs Scheitern programmierten Veranstaltung kaum Aufmerksamkeit schenkten, obwohl etwa 90 Prozent der heutigen Naturkatastrophen
klimabedingt sind.
Doch ein Umsteuern
ist bei den meisten Bürgern und Politikern nicht zu erkennen. Kaum
jemand zieht ernsthafte Konsequenzen aus den Befunden. Will die Regierung Umweltsünder doch mal in die Pflicht nehmen, kommt sofort
Gegenwind. So geschehen bei der geplanten
Flugsteuer. Die jährlich gewonnene Milliarde soll nicht nur
Haushaltsdefizite, sondern auch die Privilegien der Airlines gegenüber umweltfreundlicheren Verkehrsmitteln
wie der Bahn
reduzieren. FDP, CSU und Flugverkehrslobby warnten sofort vor „negativen
Effekten“ für die Beschäftigten, und schon droht Schäubles vernünftiger Vorschlag als fauler Kompromiss
zu enden. Ökonomie versus Ökologie. Wie in der Autoindustrie,
die jetzt wegen der großen Nachfrage
wieder mehr luxuriöse CO2-Schleudern produziert
und mit Sonderschichten prahlt.
Als ich kürzlich
in einem der „Sauna-ICE“
von Berlin nach Düsseldorf saß,
sorgten sich mehrere Rentnerpaare in meiner Nähe bei
mehr als 40 Grad hauptsächlich darum, ob sie ihren Billigflieger
nach Südafrika noch bekommen. Als ein Mitreisender
es vorsichtig wagte, die durch den Ausfall der Klimaanlage
bedingte Verspätung mit dem Klimawandel
in Verbindung zu bringen, waren die Fernreisenden konsterniert. Dass die Klimatechnik des ICE aus einer Zeit stammt, in der man an heißen Tagen
mit maximal 32 Grad rechnete,
konnte zu diesem Zeitpunkt keiner wissen.
Wer glaubt, dass
Menschen die Folgen des Klimawandels erst selbst erleiden müssen, um zur Vernunft zu kommen,
irrt. Die meisten ignorieren die schleichenden Gefährdungen des Klimawandels selbst dann noch,
wenn er schon
vor der eigenen
Haustür stattfindet. Andere aber möchten
schon jetzt Geschäfte damit machen. Statt die klimabedingte Gletscherschmelze
in der Polarregion effizient zu bekämpfen,
spekulieren die Industriestaaten
bereits jetzt auf die Bodenschätze unter dem längst nicht
mehr ewigen Eis. Das Geologische Institut der USA vermutet in der eisbedeckten Region zwischen Grönland und Kanada 18 Milliarden Barrel Öl und Gas. Die
Grönländer wähnen sich schon als
Gewinner des Klimawandels.
Den 57000 Einwohnern dieser
Insel aber werden Milliarden von Verlierern in aller Welt gegenüberstehen.
Was tun?
Den Lebensstil radikal ändern, empfehlen Wissenschaftler und Naturschützer.
Doch wer will das freiwillig? Dabei geht es längst
nicht mehr um wollen, sondern um müssen. Wir sollen
nur noch so viel verbrauchen, wie wir der
Natur und damit uns zumuten können.
Insofern ist gerade die Politik gefragt. Ein erneutes
Scheitern der nächsten UN-Klimakonferenzen wäre wirklich eine
Katastrophe.
Klaus Staeck
ist Verleger und Grafiker.