Spiel mit der Rassenkarte
Von
Dietmar Ostermann
Als Barack Obama ins Weiße Haus einzog, war in den USA viel von der postrassistischen
Gesellschaft die Rede. Mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten, auch mit den Stimmen vieler Weißer, sollte das Land die Rassengegensätze
überwinden. Anderthalb Jahre später ist
von dieser Fiktion wenig geblieben. So unbestreitbar der Wandel ist, so wenig sind die
USA mit Obama schon in einer quasi farbenblinden Normalität angekommen. Wer daran Zweifel
hatte, kann dieser Tage beobachten,
wie brutal die "Rassenkarte"
gespielt, wie zynisch alte Wunden
aus politischem Kalkül aufgerissen werden - und wie schwer sich auch
die Regierung eines schwarzen Präsidenten mit dem Thema
tut.
Gegenstand und Opfer der jüngsten Kontroverse
ist Shirley Sherrod, bis Anfang der Woche
Regionaldirektorin des Agrarministeriums
in Georgia. Eigentlich könnte
ihr Lebensweg ein Lehrstück für
den Wandel sein: Sherrod wuchs als Tochter
eines schwarzen Farmers im Süden auf, inmitten
der unruhigen Bürgerrechtsära. Ihr Vater wurde 1965 von Weißen ermordet, die Täter wurden nie
verurteilt. Die Tochter verschrieb sich dem Kampf gegen
Diskriminierung, setzte sich für schwarze
Bauern ein, die systematisch benachteiligt wurden.
Als 1986 zum ersten Mal ein weißer Farmer um Hilfe bat, dessen Land gepfändet werden sollte, zögerte Sherrod. Sie habe nicht alles
getan, dem Mann zu helfen, räumte
sie im März
beim Bankett der Bürgerrechtsorganisation
NAACP ein. Aber: "Durch die Arbeit mit ihm habe
ich gesehen, dass es in Wahrheit
um diejenigen geht, die nichts haben. Sie
können schwarz, weiß oder hispanisch
sein. Ich habe verstanden, dass ich armen
Menschen helfen musste."
Es war eine
nachdenkliche Rede über innere Kämpfe
und die Überwindung von Vorurteilen.
Davon aber tauchte am Montag im Internet zunächst nur ein zweieinhalb
Minuten langer Ausschnitt auf, der den Inhalt ins Gegenteil kehrte: Eben jene
Passage, in der Sherrod bekennt,
dem weißen Farmer nur bedingt geholfen
zu haben.
Dann ging
alles schnell: Prominente Scharfmacher stürzten sich im
rechten Kampf-Sender Fox
News auf die Story, warfen der
NAACP und der Obama-Regierung
"umgekehrten Rassismus"
vor, forderten Sherrods Entlassung. Um politischen Schaden vom Präsidenten abzuwenden, drängte die Spitze des Landwirtschaftsministeriums
die Frau zum Rücktritt. Selbst die NAACP distanzierte sich von Sherrod.
Inzwischen ist das Video in voller Länge aufgetaucht,
weiß man, dass die Regierung einer Provokation des einschlägig bekannten Bloggers Andrew Breitbart
aufsaß. Der Mann hält Obama
für den Agenten einer kommunistischen Verschwörung und steht der Tea Party nahe, der Sammelbewegung konservativer Empörung. Die
NAACP, Agrarminister Tom Vilsack,
das Weiße Haus, selbst Fox-News-Einpeitscher - alle haben sich
bei Sherrod entschuldigt.
Erledigt ist der
Fall damit nicht, erst recht nicht
für den Präsidenten. Viele Afroamerikaner sind empört, wie
naiv die Regierung der Verleumdungskampagne aufsaß - und wie feige sie Sherrod fallenließ. Der schwarze Kolumnist Eugene Robinson aber spricht auch vom
gezielten Versuch, diffuse Ängste zu schüren,
"dass, wenn Afroamerikaner und andere Minderheiten einflussreiche Machtpositionen einnehmen, sie irgendeine Art von Rache an Weißen
nehmen". Von der postrassistischen Gesellschaft redet niemand mehr.