Klartext für die Schutztruppe
In
Afghanistan herrscht Bürgerkrieg. Westerwelles Worte haben erhebliche
Konsequenzen und nützen den
Bundeswehrsoldaten.
Von Andreas Schwarzkopf
Endlich! Endlich hat Außenminister Guido Westerwelle ein großes Wort gelassen ausgesprochen. In
Afghanistan herrscht Bürgerkrieg
- oder in den Worten des obersten Diplomaten: ein "nicht internationaler bewaffneter Konflikt". Diese Sicht der
Dinge, die Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg bereits
vertrat, hat erhebliche Konsequenzen.
Politisch kommt die Bundesregierung in der Realität an und setzt einen vorläufigen Schlusspunkt einer zähen innerdeutschen Debatte. Der Osten
und Süden Afghanistans waren nach dem
gewaltsamen Sturz des
Taliban-Regimes Ende 2001 durch
die US-geführten Truppen nie wirklich befriedet.
Seit 2004 nahm dann die Zahl der
Anschläge in anderen Regionen zu. Im
Norden, wo die Bundeswehr zuständig ist, stieg beispielsweise
die offizielle Zahl der Angriffe auf das deutsche Kontingent der internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) von 21 im Jahr 2007 auf 77 im vergangenen Jahr. 2009 forderte
die Bundeswehr 57 Mal Luftunterstützung
durch US-Flugzeuge an.
Dennoch tat sich erst Rot-Grün, anschließend die große Koalition schwer, das Kind beim Namen zu
nennen. Unter anderem aus Furcht,
den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren. Schließlich sollte mit einem humanitären Einsatz ein Land aufgebaut werden. Das Spannungsverhältnis zwischen propagierter Aufbau-Mission und tatsächlichem Einsatz in einem Bürgerkrieg führte zu Diskussionen,
die eher mit Vergangenheitsbewältigung zu tun hatten als
mit den Fragen, was das Ziel des Einsatzes in dem fernen Land ist und mit welchen
Mitteln sich dieses erreichen lässt.
Die größten
Nutznießer der neuen Bewertung sind die Bundeswehrsoldaten.
Zum einen, weil sie
jetzt offen sagen können, dass
sie häufig kämpfen, und nicht mehr erklären müssen,
warum sie nicht mehr Brunnen
bohren oder Schulen bauen. Sie müssen auch nicht
mehr mit Sanktionen rechnen, wenn sie von Krieg sprechen, wie in einigen wenigen Fällen geschehen. Zum anderen haben sie
jetzt nicht länger den "Staatsanwalt im Rucksack", wie es in der Truppe
heißt. Bei ihrem Vorgehen gegen Aufständische sind sie
nun ans Kriegsvölkerrecht gebunden, das einen größeren Spielraum lässt als das deutsche Strafrecht. Durften sie bisher theoretisch
die Waffe nur ziehen, um sich selbst zu verteidigen,
können sie künftig militärisch handeln und sind
keine Isaf-Soldaten zweiter Klasse. Das Völkerrecht ist
allerdings kein Freifahrtschein für Gewalt. Das Regelwerk
schreibt vor, ausschließlich gegen Bewaffnete vorzugehen und Zivilisten zu verschonen.
Daraus folgt aber
auch, dass die Bundeswehr die Ausbildung ihrer Soldaten an
die neue Sichtweise anpassen muss. Über das Völkerrecht müssen die Staatsbürger in Uniform schlicht noch einiges dazulernen.
Außerdem kann die sogenannte Taschenkarte mit den Einsatzregeln umgeschrieben werden.
Westerwelles deutliche Worte werfen allerdings
auch ein Problem auf. Polizisten dürfen streng genommen nicht in Kriegsgebieten eingesetzt werden. Die Beamten dürfen also in Afghanistan eigentlich
keine Polizisten ausbilden. Die sind
aber für den Aufbau des Landes und für eine Abzugsoption
der Alliierten unabdingbar. Bei diesem Thema wird Westerwelle mit Innenminister Thomas de Maizière noch einiges
klarstellen müssen.