Wall Street schlägt Marx
KLAUS KOCKS
![]()
Siemens
ist bald sauber.
Hoffnungen auf einen dritten Weg gab es immer. Zwischen
Turbo-Kapitalismus, dem vernichtenden Kampf aller gegen alle,
und dem Staatssozialismus, der den DDR-Traum zerplatzen ließ, muss es doch noch
was geben. Wo
liegt, fragten die Visionäre, zwischen Schwarz und
Rot eine rosa Zukunft? Wie kriegen wir
Moral und Anstand in die Marktwirtschaft?
Jürgen Rüttgers ist der letzte
Überlebende von den Schwarzen,
der dem Kapitalismus
ein soziales Antlitz verleihen will. In der CDU ist
er freilich allein auf weiter Flur. Und die Sozis streiten mit den
Linken um die Leitbilder
einer wirklich sozialen Marktwirtschaft. Aber aus Rot plus Rot werden so wenig blühende Landschaften wie aus Schwarz plus Grün. Maskeraden der alten politischen
Klasse. Passieren tut nur dort was, wo die Kapitalisten selbst das Thema in die Hand nehmen. Verkehrte Welt.
![]()
Die Wirtschaft
wird sauber, weil die Wall Street es so will? Wofür habe ich als Student drei Bände "Karl Marx, Das Kapital" gepaukt, wenn das stimmt?
Kann das wirklich sein?
Was deutsche Gerichte nicht
vermochten, woran selbst der Papst
gescheitert wäre, das schafft nun die US-Börsenaufsicht: das Geschäftsprinzip Korruption wankt. Selbst die Giganten des Kapitalismus,
die Siemens dieser Welt, wanken:
nun soll es sogar im Ausland
mit rechten Dingen zugehen. Merkel lässt den Beinah-Bundespräsidenten
Heinrich von Pierer (CSU) fallen. Vom
Sieger über die Tarifautonomie Klaus Zumwinkel
(Liechtenstein) hört man nichts
mehr. Und Victory-Ackermann (Schweiz)
ist Gutmensch,
er unterstützt jetzt das Goethe-Institut, den Hort deutscher Nationalkultur im Ausland.
Christenmenschen erwarten keine
Gerechtigkeit auf Erden.
Die ist ihnen erst für die Ewigkeit
versprochen, wenn das Jüngste Gericht
den Bösewichtern die Ohren lang gezogen hat Diese Regel gilt für Katholiken. In den mediterranen Kulturen gibt es deshalb
eine große Leidensfähigkeit, was Schurken in
der Wirtschaft und Politiker aus der
Halbwelt angeht. Siehe: Italien und Berlusconi. Geteilt wurde die Christengemeinschaft durch die Protestanten, die sich um Martin
Luther und Herrn Calvin aus
Genf scharten. Kältere Gemüter bekamen hier das Sagen.
Man sah göttliche Gerechtigkeit schon im Diesseits. Die Reichen genossen Gottes Segen auf Erden. Ihr Kapital
gaben sie als Frucht
der Arbeit und damit besondere Gnade des Herrn aus. Hier liegt
das tiefste Geheimnis des Kapitalismus: er konnte erst
so richtig blühen, als die Pietisten
den Kapitalmarkt zur Drehscheibe des Wirtschaftens machten. Und die schlimmsten
dieser fleißigen Frömmler wanderten nach Amerika aus.
Den allerschlimmsten wird dort als
wiedergeborenen Christen gar der
Staat anvertraut.
Der Kapitalismus als Weltmacht
definiert die Regeln, seine
Regeln. Das ist das Geheimnis der Börsenaufsicht.
Die Kapitalisten selbst bestehen darauf, dass die Verzinsungsgier in Bahnen abläuft, ihren Bahnen. Sie möchten
ihr Geld vor Eierdieben schützen. Die ordentlichen Truppen der globalen Wirtschaft
bestehen gegenüber den hergelaufenen Guerilleras auf Einhaltung der militärischen Ordnung. Mit Gerechtigkeit hat das dann etwas
zu tun, wenn
man glaubt, dass Weltmacht zu sein
ein Gnadenbeweis Gottes ist.
Und diese Jungs aus god's own country glauben genau das.
So gesehen ist
mein sozialistisches Kapitalismus-Bild wieder intakt. Ich bin erleichtert.
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.