Amerikanische Verhältnisse
Die in den Kongresswahlen gestärkten Republikaner können die Demokraten im Senat
noch stärker in die Enge treiben. Für
Obama ist eine Zusammenarbeit mit dem „gegnerischen Lager“ möglich - doch der Wille zum
Kompromiss ist knapp, der Stil
ruppig geworden.
Von Klaus-Dieter Frankenberger
04. Januar
2011
Eigentlich ist es
das Ideal der amerikanischen
Verfassung: Politische Macht wird nicht
konzentriert, sondern verteilt und damit begrenzt. Das Misstrauen
gegenüber politischer Autorität, gegenüber der Regierung und damit dem Staat
ist das fortwirkende Gründungsprinzip der Vereinigten Staaten, das sich in Gewaltentrennung und Gewaltenverschränkung niederschlug.
Nicht eine effiziente Ausübung politischer Macht wird angestrebt,
sondern deren Beschneidung und Beschränkung.
Wenn also in den nächsten zwei Jahren dem
demokratischen Präsidenten
Obama ein Kongress gegenübersteht, in dem zumindest eine Kammer, das Repräsentantenhaus,
von den Republikanern beherrscht
wird, so ist das ganz im liberalen
Sinne der Verfassungsväter aus dem 18. Jahrhundert, die nichts so sehr
fürchteten wie die Tyrannei der Mehrheit.
Und es ist auch im Sinne
vieler Wähler von heute, denen ein
„divided government“ allemal lieber
ist als eine
Konstellation, in der ein und dieselbe Partei den Präsidenten und die Mehrheit im Kongress
stellt und sozusagen „durchregieren“ kann.
Das Regieren einer
einzigen Partei wie in den vergangenen Jahren ist verfassungspolitisch
auch heute nicht erwünscht.
Ein Feind, den man bezwingen muss
Aber ob nun historisches Ideal oder aktuelle Vorbehalte
– dass die in den Kongresswahlen
im November gestärkten Republikaner nun die Kontrolle in
der größeren Kammer übernehmen und im Senat die Demokraten
noch stärker in die Enge treiben können,
wird von der veröffentlichten Meinung weitgehend mit Pessimismus betrachtet. Stillstand, Paralyse, Blockade –
in diese Richtung gehen die meisten Prognosen der künftigen
Verhältnisse.
Das hat vor
allem mit der scharfen ideologischen
Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern in
den vergangenen Jahren zu tun (sie
spiegelt ein allgemeines Auseinanderfallen in verschiedene politisch-kulturelle
Milieus). Es gibt überparteiliche
Zusammenarbeit, und auch Präsident Obama hat, wenn er sie wirklich
suchte, Unterstützung im „gegnerischen“ Lager gefunden; seine Erfolge vor Weihnachten
belegen, dass Zusammenarbeit möglich ist. Aber Wille und Bereitschaft
zum Kompromiss sind knapp, der
Stil ist ruppig geworden.
Der politische Gegner wird wie ein
Feind behandelt, mit dem man nicht
gemeinsam regiert, sondern den man bezwingen muss. Viele Demokraten
zeigen im Urteil über Republikaner
kulturellen Hochmut; die wiederum haben viele Leute in ihren Reihen, die mit einschlägigen Kampfparolen gegen „Washington“ reüssierten und nur eines wollen:
Obama aus dem Weißen Haus vertreiben.
Günstige Voraussetzungen für überparteiliche Zusammenarbeit sind das nicht.
Gewiss lässt sich,
auf der einen Seite, auch einer
Phase des „Stillstandes“ etwas abgewinnen: Parteipolitisch-programmatische Übertreibungen
in die eine oder andere Richtung werden so vermieden; und es kommt nicht
zu der Verbitterung
der überfahrenen Partei, welche sie auf Rache bei
nächster Gelegenheit sinnen lässt. Auf
der anderen Seite kann Obama zwar einige Zeit gegen den Kongress regieren; aber für seine Anliegen braucht er dessen
Unterstützung, somit die der Republikaner. Auf die wird Obama mehr als bisher zugehen
müssen, auch wenn er sich
dadurch den Zorn der linken Demokraten zuzieht. Überhaupt muss er wieder souveränen
Tritt finden. Von den inspirierenden Höhen des Jahres 2008 ist der Prediger
des Wandels trotz seiner Jahresendrallye weit entfernt.
Staatsmisstrauen als Gründungsprinzip
Die Republikaner
wiederum werden es sich zweimal
überlegen, ob sie die kalte Verhinderungstaktik, an die sie sich
so gewöhnt und mit der sie den Verdruss
im Volk noch angeheizt haben, auch künftig anwenden
wollen. Als Quasi-Mehrheitspartei tragen auch sie Verantwortung;
zumindest sehen es viele Wähler
so, die weder das Extrem der Machtarroganz noch das der giftigen
Konfrontation gutheißen.
Bis zur nächsten
Präsidentenwahl sind es knapp zwei
Jahre, die Vorvorwahlsaison
beginnt in sechs, acht Monaten. Die Politik wird dann
nur noch darauf ausgerichtet sein, was bei den Wählern vermeintlich ankommt und was nicht, und das wird auch den Ton bestimmen. Es wäre zu wünschen, dass
auch ein Präsident, der wiedergewählt werden will, und
seine republikanischen Gegner
dessen ungeachtet Wille und Größe finden, wenigstens partiell zusammenzuarbeiten. Es ist ja nicht so, dass alle Amerikaner guter Dinge wären
und das Land voller Selbstbewusstsein
einer neuen Morgenröte entgegenritte.
Die Unzufriedenheit mit der Politik und ihren Institutionen ist ebenso groß
wie die Unsicherheit über den Kurs des Landes; und es sind nicht nur
seine Feinde, die Amerika
in einer Identitätskrise sehen. Seine Stellung in der Welt, zum Beispiel,
ist nicht mehr die von vor
fünfzig oder zwanzig Jahren.
Misstrauen gegenüber dem Staat ist
Amerikas Gründungsprinzip. Aber auch
dieses Gemeinwesen kommt nicht ohne Vertrauen
aus, dort, wo die Leute Führungsstärke
und pragmatischen Lösungswillen
erwarten. Zwei Jahre Lähmung – das würde das Vertrauen in die Politik weiter schmelzen lassen. Zentrale Themen wie das der Staatsverschuldung zu ignorieren – das wäre mehr als
fahrlässig. Es wäre ein zynisches
Spiel mit der Zukunft des Landes.