Die Supermama
Von Jordan Mejias
04. September 2008 Es ist
ja nichts dagegen zu sagen,
dass auch ultrakonservative, in ihren evangelikalen Gewissheiten sonst unerschütterliche Republikaner sich zu einer Kehrtwende
entschließen. Früher zum Beispiel hätten
sie einer Mutter von fünf Kindern, deren
eines sie bald in den Stand
der Großmutter erheben wird, nicht
so schnell und leichtfertig
geraten, auch noch einen Beruf
zu ergreifen, einen nicht ganz
unwichtigen obendrein. Küche und Herd wären ihr in der
Vergangenheit zugewiesen worden.
Sarah Palin, womöglich
die nächste Vizepräsidentin
der Vereinigten Staaten von Amerika, hat einen Meinungsumschwung bewirkt, der einem
den Atem raubt. Ihr, der zielstrebigen,
wenn auch bisher unbekannten Bannerträgerin des guten alten traditionsseligen Amerikas, wird plötzlich zugetraut, neben ihren gewaltigen
Familienpflichten einen zeitraubenden Job zu erledigen, für den sie zudem noch,
wie selbst ihre glühenden Verteidiger eingestehen, dieses oder jenes
zu lernen hätte.
Konservative Trumpfkarte
Aber das ist
nur einer der radikalen Umschwünge,
die auf die Wunderfrau aus
Alaska zurückgehen. Als wiedergeborene Christin und Gegnerin schulischer Sexualerziehung müsste es ihr
eigentlich etwas unangenehm sein, dass ihre siebzehnjährige
unverheiratete Tochter im fünften Monat
schwanger ist. In der Ära
Palin lässt sich aber auch daraus
eine konservative Trumpfkarte zaubern. Eine solche Schwangerschaft,
frohlocken Palins nun auf einmal zahlreiche Fans, beweise doch nur,
welch echt amerikanisches Leben die Familie führt. Und dass die Tochter gar nicht an Abtreibung denkt, vielmehr sich riesig freut,
den gleichaltrigen Vater ihres Kindes endlich
heiraten zu dürfen, versetzt eine Mehrzahl der
Wertkonservativen geradezu
in Ekstase.
Wer sich jetzt
noch an einen von Palins Vorgängern erinnert, Dan Quayle, der sich unter lautstarker
Zustimmung seiner republikanischen
Parteigenossen darüber empörte, dass eine
Fernsehserienfigur namens
Murphy Brown ein uneheliches
Kind zur Welt brachte, und ihren Erfindern vorwarf, so ungefähr das gesamte Wertgefüge Amerikas zum Einsturz
zu bringen, mag ahnen, welche
Lehrjahre die Republikaner
in der Zwischenzeit hinter sich gebracht haben.
Oder auch nicht.
Ihnen vorzuwerfen, in den frisch angefachten „Mommy Wars“ nur an einer strategischen
Verteidigung zu arbeiten, wo auf andere Weise nichts zu gewinnen wäre,
ist verführerisch und entspricht wohl eher der Wahrheit
als die Sinneswandlung strammer Ideologen, die jetzt von einer „konservativen Feministin“ schwärmen. Die Wirklichkeit für Sarah Palin aber begänne ohnehin erst im nächsten
Jahr.