Wir erliegen der Terrorhysterie
Kommentar Die neuen Sicherheitsregeln im Luftverkehr bringen keinen Deut mehr Sicherheit. Stattdessen zeigen sie, dass
wir das Denken ausgeschaltet haben. Die Terrorhysterie regiert.
von Andreas Theyssen
Es gibt
verschiedene Möglichkeiten,
den Zustand der Welt zu erfassen. Wenn
rationale Menschen durchaus
noch passable Autos verschrotten
lassen, dann weiß man: Es ist Wirtschaftskrise, und Regierungen
versuchen, durch Abwrackprämie und Stimulanz des Geiz-ist-geil-Gens die Konjunktur
anzukurbeln.
Wenn Banker nachts losziehen und an fünf verschiedenen Geldautomaten Cash abheben, dann weiß man: Es ist etwas faul
in unserem Finanzsystem.
Und wenn
selbst der US-Präsident darüber informiert wird, dass irgendein Passagier wiederholt auf die Flugzeugtoilette gegangen ist, dann weiß
man: Die Welt verfällt in Terrorhysterie.
Es war am Sonntagabend
kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit, als mehrere Nachrichtenagenturen
Eilmeldungen um die Welt jagten:
Das Weiße Haus erklärt, Obama sei über einen auffälligen
Passagier an Bord eines Fluges
nach Detroit informiert worden. Man muss sich das mal vorstellen: Da behelligt man den mächtigsten
Mann der Welt während
seines Hawaii-Urlaubs damit,
dass ein Afrikaner an Bord von Northwest Airlines, Flugnummer
NW 253, unter Übelkeit litt und sich von der Crew nicht von der Toilette zerren lassen wollte. Pipifax regiert die Welt.
Völlig vergaloppiert
Weihnachten wollte ein
anderer Nigerianer, der Student Umar Faruk
Abdulmutallab, sich mit einem selbst gemischten
Brandsatz an Bord einer Delta-Airlines-Maschine in eine Fackel verwandeln und den Jet dadurch über Detroit abstürzen lassen. Das ist ihm nicht
gelungen. Erfolg hatte er aber
insofern, als dass die Welt seit seinem missratenen Selbstmordattentat Kopf steht.
Die Sicherheit
müsse erhöht werden, heißt es
nun überall: bei Airlines,
auf Flughäfen, bei Politikern. Das ist immer sehr löblich,
und der Reflex ist mehr als verständlich.
Doch in ihrem Bemühen, einen Anschlag à la Abdulmutallab künftig
auszuschließen, vergaloppieren
sich die Sicherheitsverordnungsverordner.
Sie basteln sich Arrangements, die Passagieren
zwar den letzten Nerv rauben, aber
von potenziellen Attentätern
problemlos umgangen werden können.
Nehmen wir das Beispiel
Toilettensperre. Eine Stunde vor der
Landung werden auf Transatlantikflügen die Aborte zugesperrt. Abdulmutallab hatte sich schließlich an solch einem
stillen Örtchen 20 Minuten lang eingesperrt,
um seinen Brandsatz zusammenzubasteln. Und was bringt
diese "Sicherheitsmaßnahme"?
Auf USA-Flügen wird es künftig etwas
strenger riechen, und Attentäter gehen eineinhalb Stunden vor der Landung
aufs Klo.
Nehmen wir das Deckenverbot.
Eine Stunde vor der Landung
müssen die Teile künftig in der Gepäckablage verschlossen werden, schließlich hatte Abdulmutallab unter dem Schutz einer
Decke seinen Brandsatz entflammt. Was das bringt? Mehr Passagiere
werden mit einer Erkältung die gut klimatisierten Flugzeuge verlassen. Und Attentäter legen sich statt
einer Decke eben ihr Sakko
auf den Schoß.
'
Nehmen wir das Flüssigkeitsverbot.
Künftig darf überhaupt nichts Flüssiges mehr ins Handgepäck, kein Deo, kein Nagellack,
kein Aftershave. Vor allem aber auch
keine Nasentropfen, mit denen Verschnupfte
zu verhindern versuchen, dass sich ihnen durch
den Kabinendruckausgleich bei
Start und Landung die Trommelfelle
umstülpen. Einen
Abdulmutallab hätte diese Maßnahme allerdings nicht stoppen können:
Er hatte die Brandsatzbauteile in seiner Unterhose
eingenäht.
Die neuen
Verordnungen für USA-Flüge bringen kein
Quäntchen mehr Sicherheit, dass muss auch jeder Verordnungsverordner
wissen. Aber nach so einem Anschlagsversuch
einfach nichts zu tun - das geht
nicht angesichts der üblichen Hysteriespirale.
Wir Normalsterblichen schreien nach mehr
Sicherheit. Politiker rufen nach schärferen
Gesetzen. Sicherheitsexperten
wollen sowieso immer mehr Sicherheitsmaßnahmen,
als es ohnehin
schon gibt. Und aus dieser Kakofonie
heraus entstehen dann so Monstren wie die Toilettensperre.
Nehmen wir zur
Kenntnis: Absolute Sicherheit
gibt es nur,
wenn wir uns ohne Gepäck
und nackt in ein Flugzeug setzen, selbstverständlich nachdem Sicherheitspersonal alle unsere Körperöffnungen inspiziert hat. Das wollen wir aber - zu
Recht - nicht. Wir echauffieren uns ja schon
über die sogenannten Nacktscanner, mit denen uns die EU-Kommission beim Check-in beglücken wollte. Dabei hätte ein
Nacktscanner Abdulmutallabs
Brandsatzbauteile entdeckt.
Dass irgendwelche dahergelaufenen Flughafenbediensteten
uns fast genauso sehen, wie Gott
uns schuf, das passt uns nicht.
Wir gehen zwar an den FKK-Strand,
in die Sauna und nach dem
Sport in die Gemeinschaftsdusche, auch
ziehen wir uns anstandslos beim Arzt aus.
Aber dass uns auch Airportbedienstete
fast nackt sehen, das geht nicht. Da
entdecken wir auf einmal unsere Intimsphäre.
Und lassen uns lieber das Pinkeln vor der Landung
verbieten. Mit Logik hat das alles nichts mehr zu
tun. Nur mit Hysterie.