Welt ohne Führung
Obamas China-Besuch besiegelt das Ende der US-Vormacht. Stärkere globale Entscheidungsgremien müssen das dadurch entstehende Vakuum füllen.
von Thomas Klau
Nach der kühlen
Behandlung der Europäer folgt nun das weiche Auftreten gegenüber China. Bei seiner ersten Asienreise hat US-Präsident Barack Obama
nüchtern wie stets
in seiner Außenpolitik die Konsequenz
aus der Neuordnung
des globalen Kräftefelds gezogen. Entsprechend den Wünschen der chinesischen
Führung verschwand die Menschenrechtsrhetorik aus Obamas öffentlichen Äußerungen fast vollständig.
Hinter verschlossenen Türen
mag er zu
einigen Themen wie dem Iran Forderungen
gestellt haben; in der Öffentlichkeit wurde alles vermieden,
was Amerika als Lehrmeister und China als Empfänger von Belehrungen erscheinen lassen könnte.
Obamas Chinabesuch war mehr als eine
Episode. Er dokumentiert
das wahrscheinlich definitive Ende
eines historischen Kapitels, in dem die westliche Vormacht international als höchste Autorität
über gutes Regieren und gutes Wirtschaften auftreten konnte, ohne damit
mehr als den schwachen Widerspruch der vergleichsweise Erfolglosen zu ernten.
Bis vor Kurzem dachten
wir, dass der friedliche Fall der Berliner Mauer den Beginn eines globalen
Demokratiezeitalters markierte.
Heute ahnen wir, dass das blutige
Ende des Demokratieversuchs
auf dem Tiananmen-Platz ein genauso wichtiges
Ereignis war. Vor 20 Jahren hat die Demokratie in Europa gewonnen und in China verloren. Das Wendejahr 1989 markiert deshalb den Anfang vom Ende
der historischen Zeit, in der westliche Konzepte
von gutem Regieren und gutem Wirtschaften den globalen Diskurs fast flächendeckend dominierten. Wenn das so bleibt, weil China den Spagat zwischen freier Wirtschaft und unfreier Politik weiter bewältigt, wird das Tiananmen-Massaker leider als das Ereignis des Jahres 1989 gelten, das die Zukunft am stärksten beeinflusst hat.
Postamerikanisches Zeitalter
Wir beginnen langsam, uns an
diese neue, postamerikanische Welt zu gewöhnen. Wir erleben
pikiert, dass die global bescheidener gewordenen USA ihren kühl kontrollierenden
Kreditgeber China pfleglicher
behandeln als einen Taubenschlag namens Europäische Union. Wir sehen etwas
erstaunt, wie nach den russischen Wendemillionären nun auch reiche Festlandchinesen in den teuersten europäischen Luxushotels absteigen. Das ist neu, aber
in Wahrheit nicht total überraschend.
Mindestens seit Napoleons Zeiten leben wir
Europäer in der etwas ängstlichen Ahnung, dass China vermutlich eines Tages zu einem
Giganten der Weltpolitik erwachen wird. Nun ist es
so weit. Die multipolare
Welt, im Zeitalter des Irakkrieges noch der Kampfruf des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac gegen
die globalen Alleinherrscherallüren
seines US-Kollegen, ist die
Realität von heute: akzeptiert, fast schon abgehakt, von manchen begrüßt. Unser Problem ist aber, dass auf den Mut der Erkenntnis
längst nicht der Mut zur
Gestaltung folgt.
Schauen wir uns
unsere neue multipolare, globalisierte, internetvernetzte Welt an: Ein ökonomisches Desaster fast beispiellosen Ausmaßes wurde nur dadurch
abgewendet, dass die Staatsverschuldung in vielen Ländern bis auf schwer erträgliche Höhen hochgeschraubt wurde. Und es ist
mehr als ungewiss, dass die Staaten und Gesetzgeber sich bei den drängendsten
Problemen der Welt nun zu mehr als
kosmetischer Chirurgie durchringen.
Teil 2:
Das Geschacher um Klimageldtransfers
Der Klimawandel ist nicht mehr
Prognose, sondern dramatische Realität. Dennoch schaffen wir es in keinem
Kontinent,
die politischen und praktischen
Konsequenzen zu ziehen. Das Geschacher um Klimageldtransfers in der EU, die
Unfähigkeit der USA, zugleich ihr Gesundheitssystem
zu reformieren und das Thema CO2-Ausstoß ernsthaft anzupacken, der Unwille Chinas, bei diesem Thema global zu führen - all das summiert sich zu
der Feststellung, dass die Politik unter den heutigen Umständen womöglich strukturell unfähig ist, das in der globalisierten Wirtschaft entstandene Potenzial zur Zerstörung unserer leiblichen Wohlfahrt und zur Destabilisierung unserer Gesellschaften ausreichend unter Kontrolle zu bringen. Vielleicht
werden unsere Kinder die heutige Generation der politischen Verantwortlichen -
und ihrer Wähler dort, wo gewählt
werden kann - verfluchen, weil sie im Grunde
tatenlos und bei vollem Bewusstsein bedeutende Teile der Menschheit in eine wirkliche Katastrophe abdriften ließen.
Das
Unrealistische denken
Einer der weltweit
führenden Zentralbanker beschwor vor einigen
Wochen hinter verschlossenen
Türen das Szenario einer rasanten ökonomischen und technischen Entwicklung, die die Reaktionsfähigkeit der Politik in dramatischer Weise strukturell überfordert. Es dauere viel zu
lange, bis erst nationale Gesetzgeber und dann internationale Unterhändler sich auf dringend benötigte neue Regelwerke einigten, während die IT-Revolution den Wandel
enorm beschleunige.
Der Lissabon-Vertrag mit seinen Neuerungen
in der gemeinsamen europäischen Außenpolitik ist ein ganz
kleines Zeichen, dass EU-Europa sich irgendwie bewusst ist, dass
es wie bisher
nicht weitergehen kann. Doch von der Bewusstseinsbildung bis zum Vertrag und zu einem wirklich effektiveren europäischen Handeln wird weit
mehr als ein Jahrzehnt vergehen.
Wohl noch nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation waren deren existenziellste Probleme so global wie heute. Und doch organisieren wir Politik weiter so, als sei globale
Problemlösung ein Luxus, den sich ein Staat nur
leisten kann, wenn es einigermaßen
in die innenpolitische Agenda passt.
Die Bewusstseinsbildung
darüber, dass die Welt sehr viel stärkere
globale Entscheidungsorgane
brauchen wird, um das globalisierte Wachstum ökologisch und stabilitätspolitisch
zu kontrollieren, hat kaum angefangen. Aber sind sehr
viel stärkere globale Entscheidungsorgane nicht unrealistisch? Natürlich sind sie das. Doch das jüngste Explodieren unserer Staatsverschuldung war ein Warnschuss. Wir müssen schleunigst
das Unrealistische denken, wenn die Realität, in der wir leben,
eine hinreichend angenehme bleiben soll.
Thomas Klau ist FTD-Kolumnist. Er leitet die Pariser
Vertretung des European Council on Foreign Relations.