Mit Hightech in die Krise

 

von Thomas Klau

 

Eine Ursache des Crashs liegt im technologischen Fortschritt. Die Gesellschaft hat darin versagt, Dimension und Folgen der IT-Revolution zu begreifen. Das nächste Opfer könnten die Medien sein.

 

Hemmungslose Gier, hyperaktive staatliche Deregulierung, passive staatliche Aufsicht, eine falsche globale Verteilung von Angebot und Nachfrage - das sind die Phänomene, die als Ursachen für diese Weltwirtschaftskrise am häufigsten genannt werden. Es gibt eine andere Lesart, die in der Diskussion bisher nur gestreift wird und es verdient, viel stärker in den Mittelpunkt gerückt zu werden: Was der Welt widerfährt, ist primär Folge der Unterschätzung und mangelnden Beherrschung der technologischen Revolution.

 

Die Spekulationsorgie, der die Finanzwelt in den vergangenen Jahren frönte und deren Big-Bang-Ende jetzt eine Wohlstandsvernichtung seltenen Ausmaßes zur Folge hat, wäre nicht möglich gewesen ohne den vorhergehenden Big Bang in der Informationstechnologie. Erst Entwicklungen in der IT haben die Spekulationsmodelle möglich gemacht, die auf statistischen Durchschnittswerten beruhen. Die Komplexität dieser Modelle übertraf das Fassungs- und Urteilsvermögen der Führungsetagen der Banken. Und mit ihrer Hebelwirkung konnten sie sowohl gigantische Profite wie gigantischere Verluste erzeugen. Sowohl Deregulierung als auch weltweite makroökonomische Ungleichgewichte haben ihr zerstörerisches Potenzial erst dank der IT voll entfalten können.

 

Naives Staunen

 

Die Finanzeliten wie die Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber haben in den letzten 15 Jahren verkannt, dass der hoch gepriesene technische Fortschritt neben Chancen auch ein komplett neues Risikopotenzial schuf. Man kann die Krise auch als Kollektivversagen einer mit dem Füllfederhalter aufgewachsenen Führungsgeneration vor einer neuen Technologie lesen, deren Management ein paar sehr jungen Experten überlassen wurde. Wir haben alle hingeguckt und gestaunt. Manche fanden das neue Spielzeug gut, andere oft lästig. Verstanden haben wir das, was wir da sahen, nicht.

 

Jetzt, wo es zu spät ist, wird die ungeheure Zerstörungskraft der technologischen Revolution in der Finanzwirtschaft und damit in der Realwirtschaft offenkundig. Unterschätzt wird die technologische Revolution in ihrer Gänze aber noch immer. Wir haben zu spät erkannt, dass die IT die Spielregeln des Finanzmarkts und damit der Wirtschaft samt ihrer Aufsicht und Regulierung radikal verändert hat. Ebenso radikal verändert sie die Spielregeln der Informationsübermittlung in der Demokratie.

 

Bisher wurde dieser Prozess als Befreiung von den Monopolen der etablierten Informationsvermittlung erlebt und beschrieben, also der Magazine, der Tageszeitungen, des Fernsehens, der Nachrichtenagenturen. So falsch es im Rückblick war, die Auswirkungen der IT-Revolution auf die Finanzwirtschaft blindlings als positiven Befreiungsprozess zu sehen, so falsch und unverantwortlich ist es jetzt, diese Haltung im Bereich der politischen Informationsermittlung einzunehmen.

 

IT revolutioniert die Grundlagen der Medienwirtschaft, und es wäre fatal, wenn wir in einigen Jahren zu dem Schluss kommen, wir hätten die Folgen dieser Revolution ebenso verschlafen, wie wir die Folgen des Big Bang in der Finanzwirtschaft verkannt haben. Es geht hier nicht nur um die bedrängten Zeitungen, die mit den Agenturen noch immer den überwältigenden Teil der seriösen Nachrichten produzieren, die im Internet verfügbar sind. Es geht auch um das Medium Buch, das von der Digitalisierung der Bibliotheken in seiner kommerziellen Dimension massiv betroffen ist. Und um andere Informations- und Kulturgüter wie Film oder Musik.

 

Wir sollten uns zumindest klarmachen, dass IT unsere Welt genauso radikal verändert, wie ein Bill Gates das vor 15 Jahren vorausgesagt hatte; die Zeit dieser Veränderung ist jetzt gekommen und kann neben positiven auch dramatisch destruktive Folgen haben, wenn sie nicht durchschaut und durchdacht und folglich auch nicht beherrscht wird. So wie wir tatenlos zugesehen haben, wie die Finanzbranche die Informationstechnologie in einer Weise benutzt hat, die zu ihrer Quasi-Selbstzerstörung führte, sehen wir jetzt tatenlos zu, wie die IT die Grundlagen der Informationsversorgung der demokratischen Debatte verändert.

 

Eine neue Informationswelt entsteht Monat um Monat, von der noch nicht klar ist, ob sie die öffentliche Diskussion auch nur annähernd so gut befördert wie bisher. Man unterschätzt weithin, in welchem Ausmaß Politiker, Kolumnisten, Kommentatoren, Blogger - auch die, die unter Nutzung des neuen Mediums Internet an den alten Medien vorbei hervorragende Arbeit liefern - ihre Erkenntnisse aus dem Nachrichtenangebot und der Recherche der alten Medien gewinnen. In dem Maße, wie deren Fähigkeit zur Nachrichtenproduktion schrumpft, verarmt auch die Qualität jenes Teils der öffentlichen Debatte, der außerhalb der traditionellen Medien produziert wird.

 

Begreifen und beherrschen

 

Es ist möglich, dass Historiker die Implosion der Finanzwelt und die schwere Krise der traditionellen Presse im Rückblick als parallele Symptome eines gleichen gesellschaftlichen Unvermögens analysieren. Es besteht darin, die Dimension der informationstechnologischen Revolution und deren Folgen für Ökonomie und Demokratie zu begreifen. Es ist vergebens, die Technologie, deren unreflektierte, unbeherrschte Nutzung dazu beigetragen hat, unsere Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen, aus unserem Alltag wegzuwünschen. Und es wäre dumm, in einer Gegenreaktion das ungeheure Potenzial der IT zu verkennen, die Welt zum Besseren zu verändern.

 

Doch die existenzielle Krise unserer Finanzwirtschaft zeigt: Wir müssen dringend erkennen, dass die technologische Revolution einen viel klareren Blick für die Gefahren erfordert, die aus ihrem noch immer unterschätzten Veränderungspotenzial entstehen können. IT schreibt in Wahrheit die Spielregeln des Lebens und Wirtschaftens neu, und unsere Gesetzgeber und Denker müssen sich jetzt daranmachen, die Folgen zu ermessen und wo nötig Konsequenzen zu ziehen. Es ist höchste Zeit, sich der Informationsrevolution zu stellen. Die Debatte darüber steht erst ganz am Anfang.