von Wolfgang Münchau
Die Zeichen
mehren sich, dass die aktuelle Wirtschaftskrise schlimmer wird als
die Große Depression. Es besteht
die Gefahr, dass wir aus der
rasanten Abwärtsspirale lange nicht
herauskommen werden.
Ist es bald an der Zeit für einen neuen
Superlativ? Zunächst sprachen wir
von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Wiedervereinigung. Dann war es die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg.
Heute fragen sich einige besorgte
Beobachter bereits: Ist diese
Krise möglicherweise schlimmer als die Große Depression?
Wer hier mit
Nein antwortet, wird mit großer Sicherheit
folgende Argumente ins Spiel bringen: In den Vereinigten Staaten sank das Bruttosozialprodukt zwischen 1929
und 1933 um mehr als 30 Prozent. Die Arbeitslosenquote stieg von etwas über drei Prozent
auf 25 Prozent. In dieser Krise werden wir
solche Größenordnungen mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit
nicht erreichen. Wir haben heute im
Gegensatz zu damals stabile Sozialsysteme, sodass selbst ein
starker Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht zu einem völligen
Einbruch des Konsums führen wird. Auch verfolgt unsere Notenbank keine Deflationspolitik. Die Regierungen
versuchen diesmal nicht, die Einnahmeausfälle durch höhere Steuern
auszugleichen. Zu guter Letzt haben wir heute
keinen Goldstandard, eine der wesentlichen
Ursachen dafür, dass in den 30er-Jahren aus einer amerikanischen Krise eine globale
wurde.
Bis vor Kurzem
habe ich selbst so argumentiert. Heute bin ich mir nicht
mehr so sicher.
Der freie Fall
geht weiter
Der Welthandel ist in den Monaten
November, Dezember und Januar
mit einer Dynamik eingebrochen, die stärker war als während der Großen
Depression. Im November sind die globalen Handelsvolumina um ganze sechs Prozent gegenüber
dem Vormonat eingebrochen. Der deutsche
Export, der im November knapp elf Prozent an Wert fiel, ging
im Dezember um weitere vier Prozent
zurück. Experten prognostizieren weitere Rückgänge im ersten
Quartal in einer Größenordnung von sieben Prozent. Wenn man das alles zusammenrechnet, kommt man auf einen Verfall von mehr als 20 Prozent
innerhalb von nur fünf Monaten. Zwischen
1929 und 1932 sind die Handelsvolumina insgesamt um etwas mehr als
25 Prozent gefallen. Wir kommen an
diese Marke wahrscheinlich schon in diesem Jahr heran
- und das sogar ohne eine neue Ära
des Protektionismus.
Da die Konjunkturprogramme sowohl in den USA als auch hierzulande erst ab dem
dritten Quartal anfangen, ihre Wirkung zu zeigen,
wird sich der freie Fall der globalen Wirtschaft
bis in den Sommer hinein ungebremst fortsetzen. Mich würde nicht überraschen, wenn wir noch in diesem
Jahr wieder vier Millionen Arbeitslose in Deutschland haben werden - mit stark steigender Tendenz im kommenden Jahr.
Aber selbst diese
düstere Prognose würde noch nicht
die Aussage rechtfertigen, die Krise sei
schlimmer als die Weltwirtschaftskrise der
30er-Jahre. Dazu bedarf es einer anhaltend negativen Interaktion zwischen Realwirtschaft und Finanzsektor. Solange die Wirtschaft nicht wieder in Gang kommt, bleibt der Finanzsektor
am Boden, denn für die faulen Kreditprodukte wird es so lange
keinen liquiden Markt geben, wie
die Häuserpreise verfallen
und die Arbeitslosigkeit und Insolvenzraten
steigen. Umgekehrt wird die Realwirtschaft nicht wachsen können,
solange die Finanzwirtschaft
nicht ihre wichtigste Funktion wahrnehmen kann, nämlich die ausreichende Versorgung der Wirtschaft mit Krediten.
Ich
sehe momentan nicht, wie wir
ohne ein strategisches Konzept zur Wiederherstellung eines funktionierenden Finanzsystems aus diesem Teufelskreis herauskommen. Da ein Großteil
des amerikanischen Finanzsektors
insolvent ist, lässt sich dies meines Erachtens nach ohne Verstaatlichung
oder einer staatlich unterstützen Bad Bank kaum realisieren.
Genau dazu ist die Obama-Administration allerdings
nicht bereit. Der amerikanische Ökonom Jeffrey
Sachs machte vor Kurzem einen sehr
interessanten Vorschlag, wie man aus diesem
Schlamassel herauskommen könnte. Sein Rezept: Man richte eine staatliche Bad Bank ein, die den Banken die faulen Wertpapiere abnimmt und im Gegenzug eine Wandelanleihe
erhält, also eine Anleihe, die sich später in gewöhnliche Aktien umwandelt. Der Trick an Sachs' Vorschlag ist, dass das Umwandlungsverhältnis
von dem Verkaufserlös abhängt. Ist
die nötige Abschreibung bei den faulen Krediten höher als das Kapital der Bank, so fällt die Bank automatisch in den Besitz des Staates, der sie
dann abwickelt. In anderen Fällen erhält der Staat
einen Anteil an der Bank, dessen Höhe sich am dem
Verkaufserlös bemisst.
Keine Alternative zur Radikalkur
Solche Vorschläge sind sicher
radikal, weil sie am Ende zu
einer großen Verstaatlichungswellen führen werden. Aber ich sehe keine wirkliche Alternative zu einer Radikalkur.
Das von der US-Regierung am Dienstag vorgestellte
Programm zur Rettung des Finanzsektors ist der erneute
Versuch, das Problem mit noch komplizierterem technischem Gedöns zu lösen, indem
Washington den Banken Wertpapiere
abkaufen will. Und da auch das Konjunkturpaket von Weißem Haus und Kongress windelweich geklopft wurde, gibt es keinen
Grund zu glauben, dass wir
mit der Politik
des neuen Präsidenten
Barack Obama aus dieser Negativspirale herauskommen werden.
Genau das aber gelang den Amerikanern in den
30er-Jahren. Die Wachstumsraten blieben
zwar enttäuschend, doch die Arbeitslosigkeit fiel dramatisch. Präsident
Franklin D. Roosevelts New Deal brachte
diese Krise zu Ende, auch
wenn es zwischendurch
immer wieder zu Einbrüchen kam
wie zum Beispiel
der Rezession im Jahre 1937.
Ob uns
das ebenfalls gelingen wird, ist
überhaupt nicht klar. Die Politik in fast allen Ländern
drückt sich um eine effektive Lösung der akuten
Probleme des Finanzsektors.
Selbst die besten Konjunkturpakete helfen da nicht, und die meisten dieser Pakete sind
eher mittelmäßig.
Genau darin liegt die eigentliche Gefahr dieser Krise. Sie besteht
nicht darin, dass die Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent ansteigt, sondern darin, dass wir aus
unserer Depression lange nicht mehr herauskommen werden. Genau so passierte es
in Japan.
Aus der
FTD vom 11.02.2009