Rezession ist schön
von Andreas Theyssen
Alle jammern über die Weltwirtschaftskrise. Wir nicht. Sechs
Gründe, weshalb sie ihre guten
Seiten hat.
Es ist wirklich kaum noch auszuhalten.
Jeden Tag die gleichen schlechten Nachrichten: wackelnde Banken, riesige Rettungspakete, Umsatzeinbrüche, Insolvenzen, BIP-Downgrading, Arbeitslosenzahlen.
Und jede schlechte
Nachricht lässt sich noch ein
wenig in puncto Schlechtigkeit steigern.
Und so soll es weitergehen, bis zur Jahresmitte, bis Jahresende, bis ins nächste
Jahr hinein.
Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten.
Diese typisch deutsche Lust
an der Prophetie
des Untergangs! Diese typisch teutonische Neigung, das Glas immer nur halb
leer zu sehen, obwohl es doch
noch halb voll ist!
Dem muss Einhalt geboten werden! Und deshalb öffnen wir heute
und hier Ihnen
die Augen für die schönen Seiten der Weltwirtschaftskrise. Sie haben es
nicht anders
verdient.
Freude. Erinnern
wir uns an
den Sommer. Da brachte uns jeder Tankstellenstopp den Grünen näher. 5 DM pro
Liter hatten die einmal gefordert, und umgerechnet in
Euro war der Spritpreis auf
dem besten Weg dahin - ganz
ohne irgendwelche politischen Incentives. Die Gelben
in Fernost mit ihrem Wirtschaftsboom hatten erreicht, was die Grünen daheim so lange gefordert
hatten. Und jedes Mal, wenn wir an
die Zapfsäule rollten, stellten wir uns
die Grundsatzfrage: Tanken wir noch einmal
voll, oder verschrotten wir unsere 15-Liter-Schüssel gleich?
Das war nicht schön.
Vorbei, alles vorbei!
Heute ist
jeder Tankstopp eine wahre Wonne.
An manchen Stationen ist der
Spritpreis sogar schon unter die 1-Euro-Marke gerutscht. Gut 50 Cent pro Liter sparen
wir im Vergleich
zum Sommer. Und allein schon
auszurechnen, wie viel wir bei
einer Tankfüllung sparen, macht so viel Freude, dass
wir locker für anderthalb Stunden die Rezession vergessen.
Spannung. Nie
war es spannender, die
"Tagesschau" zu gucken
oder Zeitung
zu lesen (so viel Werbung in eigener Sache muss erlaubt sein). Nein,
wir meinen nicht wegen Angela Merkels Geeiere in Sachen Konjunkturpaket II.
Wir meinen das Branchendomino.
Erst erwischte es Banken,
dann Autobauer, Zulieferer, Chemie, Spediteure, Reeder. Es ist wie im
Lied von den zehn kleinen Negerlein. Und die große Frage bei der
täglichen Zeitungslektüre lautet: Wann ist die Branche dran, in der wir
selbst arbeiten? Das ist ein echter Thrill.
Hilfe. Es ist immer schwer, gutes Personal zu finden, seien
es Putzfrauen, Babysitter oder Gärtner. Jetzt
gibt es genügend
gutes Personal: arbeitslose
Autobauer, die uns den Wagen in Schuss halten, beschäftigungslose Investmentbanker,
die sich um unseren Nachwuchs kümmern, freigestellte Fernfahrer, die unsere Hemden plätten.
Vor allem aber können
wir viel von ihnen lernen - nämlich wie man sich über Wasser
hält, wenn auch wir demnächst
unseren Job verlieren.
Ach ja, und die babysittenden Investmentbanker können wir ja
mal fragen, ob es sich schon wieder
lohnt, an der Börse einzusteigen.
Krisengewinn. Kennen Sie London? Ist
eine tolle Stadt. Bislang hatte sie nur einen Haken.
Sie war dermaßen teuer, dass für
deutsche Normalverdiener die Hotelzimmer
für einen Wochenendtrip kaum erschwinglich waren. Diese Zeiten sind vorbei! Das britische Pfund ist dank der
Wirtschaftskrise so tief eingebrochen, dass es heute 1:1 zum
Euro steht. Da kann man sich auch
als Euro-Päer
glatt ein schaumfreies, schlecht temperiertes Ale in einem Pub in der Londoner City leisten. Also, nichts wie hin!
Und zum
Shopping fliegt man in diesen Tagen nicht
mehr nach New York, sondern nach Reykjavik. Designklassiker für Küche und Wohnzimmer, Edelklamotten, gebrauchte Luxusschlitten - im Land des Staatsbankrotts ist
das jetzt alles viel günstiger zu haben als
bei uns. Voraussetzung ist natürlich, dass Sie Ihr
Erspartes nicht bei Kaupthing angelegt haben.
Schadenfreude. Was haben uns die Chinesen in den letzten Jahren genervt. Haben die Märkte so ratzeputz leer gekauft, dass Sprit-, Stahl- und Lebensmittelpreise nur so nach oben schossen.
Haben uns mit zweistelligen
Wachstumsraten gequält, während wir schon
bei einem BIP-Plus von kargen zwei Prozent jubeln
mussten. Und unsere Produkte haben sie abgekupfert bis zum Gehtnichtmehr.
Auch dies trägt nun das Etikett "Es war einmal".
Das Reich der Mitte rutscht ebenfalls in die Krise, stürzt sogar
- für seine Verhältnisse -
in die Rezession. Das Politbüro
muss Gigamilliarden-Konjunkturprogramme
auflegen. Und mit Vergnügen sehen wir: Auch Chinesen
sind keine
ökonomischen Superhelden.
Erkenntnisgewinn. Was sind sie
uns auf den Keks gegangen. Wann immer ein volltrunkener
jugendlicher Volltrottel in
Deutschland einen jüdischen
Grabstein beschmiert hatte, sahen jüdische
Verbände in den USA die Bundesrepublik
in die Hitlerei zurückfallen.
Dabei fanden wir immer viel
besorgniserregender, dass
die organisierten Neonazis
in einen Landtag nach dem anderen
einzogen.
Nun reden
sie sich jenseits des großen Teiches die Köpfe heiß, ob nicht einer der ihren
den Antisemitismus angeheizt
habe: der Ex-Nasdaq-Chef und Vermögensverwalter
Bernard Madoff, der 50 Mrd.
$ veruntreut hat. Durch
seine Tat, so meinen einige,
habe er das unter Dumpfbacken gängige Klischee vom gierigen jüdischen
Bankier massiv gefördert. Und vielleicht endet diese Debatte
in den USA ja mit der Erkenntnis,
dass Gut und Böse nicht automatisch mit Herkunft und Religionszugehörigkeit korrelieren.
Allerdings, liebe Freunde
des Um-, Auf- und Gegenrechnens in Deutschland: Auch Madoffs 50 Mrd. $ reichen bei Weitem nicht
an jene sechs
Millionen Toten heran, die wir auf dem Konto haben.
In unserem Fall ist das Gefühl der Schadenfreude fehl am Platze.
Was? Sie
sind trotz
all dieser hübschen Beispiele immer noch nicht davon
überzeugt, dass die Rezession auch ihre guten und schönen Seiten hat? Dann ist
Ihnen wirklich nicht zu helfen,
Sie Miesepeter. Oder aber, diese Krise
ist wirklich
schlimm.
Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt
jeden zweiten Montag an dieser
Stelle.