Lucas Zeise: Fertig machen zum Schrumpfen

 

von Lucas Zeise

 

Die US-Notenbank Fed tut recht daran, mit der Lehman-Pleite die Korrektur des Finanzsektors einzuleiten. Die Welt braucht nicht mehr so viele und so große Investmentbanken wie Merrill Lynch und Lehman.

 

So ungefähr sehen Finanzkrisen aus: Von fünf großen US-Investmentbanken bleiben nur zwei übrig. Das ist Kapitalismus. Dem größten Finanzboom folgt der tiefe Absturz. Die Institutionen, die den Boom angetrieben haben, gehen - wenigstens zur guten Hälfte - über die Wupper oder über den Hudson. Ist das schon die Bereinigung? Vermutlich erst ihr Beginn.

 

Die Pleite von Lehman Brothers, die Übernahme des früher größten amerikanischen Brokers Merrill Lynch durch die Bank of America, das Betteln des früher größten Versicherers der Welt AIG um Hilfe bei der US-Notenbank Fed, die Verstaatlichung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac - all diese dramatischen Ereignisse innerhalb kürzester Zeit läuten die zweite Phase der großen Finanzkrise ein. Jetzt wird deutlicher, dass diese Krise, die mit den Problemen im Subprime-Hypothekensektor begann, wohl eine ganze Entwicklungsperiode im Kapitalismus abschließen wird.

 

Diese Periode begann mit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods Anfang der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ihr wesentliches Merkmal ist die immer größer werdende Freizügigkeit des Kapitalverkehrs, die schließlich zu einem Grundpfeiler der Europäischen Union wird. Der Finanzsektor erreicht in dieser Phase eine ungekannte Blüte. Über alle Krisen hinweg wächst er deutlich schneller als die Realwirtschaft, was von Ökonomen beruhigend als Zuwachs des tertiären Sektors beschrieben wird.

 

Positives vom schwarzen Sonntag

 

Gegen Ende der 90er-Jahre beschleunigt sich das Wuchern des Finanzsektors noch. In dieser Zeit entstehen die Vermögenspreisblasen, die uns inzwischen geläufig sind. Der Wertzuwachs im Portefeuille gilt als wichtigste Zielsetzung wirtschaftlichen Handelns. Investmentbanken und diverse andere Finanzinstitutionen wie Hedge- und Private-Equity-Fonds erzielen mit der schlichten Hebelmethode hoher Verschuldung Eigenkapitalrenditen von 40 bis 50 Prozent. Das sicherste Krisenzeichen wird erkennbar darin, dass derlei nicht nur akzeptiert wurde, sondern auch als normal galt.

 

Dass dieser überdimensionierte Finanzsektor eine Schrumpfkur vor sich hat, ist evident. Die interessante Frage ist dabei, wer verschwindet und wer überlebt. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Nachrichten vom "schwarzen Sonntag" durchaus positiv: Wenn mit Lehman Brothers und Merrill Lynch zwei der größten Wertpapierhändler und Investmentbanken vom Markt verschwinden, setzt die Schrumpfkur an der richtigen Stelle an. Die Welt wird so viele und so große Investmentbanken künftig nicht mehr brauchen.

 

Die US-Notenbank scheint dazugelernt zu haben. Sie hätte wie im Fall Bear Stearns im März den Kaufinteressenten für Lehman Brothers, die es schließlich gab, eine Garantie für künftige Risiken geben können. Das waren damals immerhin 29 Mrd. $, die JP Morgan Chase den billigen Erwerb von Bear Stearns zusätzlich versüßt haben. Nebenbei zeigt die Tatsache, dass ohne solche Garantien keine Bank bereit war, Lehman zu übernehmen - und dass die Auffassung des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, die Krise werde nun bald beendet sein, in der Branche nicht weit verbreitet ist.

 

Natürlich ist mit jeder Bankpleite das Risiko verbunden, dass Gläubiger und Gegenparteien der Bank durch den Zahlungsausfall ihrerseits in Bedrängnis geraten und eine Kettenreaktion auslösen. Da Lehman jedoch mit langer Vorankündigungszeit dem Untergang entgegentaumelte, kann man annehmen, dass die Mehrheit der Geschäftspartner sich bereits in Sicherheit gebracht hat. Die Fed hatte genug Zeit, um die Folgen des Konkurses abzuschätzen. Sie konnte in diesem Fall das Risiko eingehen.

 

Der Fall Lehman liegt auch völlig anders als bei Fannie Mae und Freddie Mac. Diese beiden gigantischen Hypothekenbanken mussten aufgefangen werden. Sie waren mit Verbindlichkeiten von 5500 Mrd. $ tatsächlich zu groß, um unterzugehen. Außerdem bestand ihr staatlich gefördertes Geschäftsmodell schließlich darin, mithilfe der impliziten Staatsgarantie billige Schulden zu machen, einen Teil dieses Vorteils an private amerikanische Hypothekenschuldner weiterzugeben und den Rest dem Konto der Aktionäre sowie des von ihnen bestellten Managements gutzuschreiben. Die implizite Garantie im Bedarfsfall nicht einzulösen wäre für keine US-Regierung denkbar gewesen.

 

Die zweite Phase der Finanzkrise dürfte durch Zahlungsausfälle bisher gesunder Unternehmen gekennzeichnet sein. Die Banken werden dabei vor allem durch die erzwungene Aufgabe von "Heuschrecken" und Hedge-Fonds betroffen sein. Die Staatsfonds werden, anders als in den vergangenen zwölf Monaten, weniger enthusiastisch Kapitalerhöhungen zeichnen. Bei fallenden Rohstoffmärkten wird auch bei ihnen das Geld knapper.

 

Der Carry-Trade - also die Kreditaufnahme in niedrig verzinslichen Yen, um in der hoch rentierlichen übrigen Welt zu investieren - wird verschwinden. Denn nach der Fed wird sogar die bisher verstockte EZB angesichts des sich rapide verschlechternden realwirtschaftlichen Umfelds in Euroland nicht an deutlichen Zinssenkungen vorbeikommen. Wenn Geld überall ähnlich billig ist wie in Japan und dennoch außer Staatsanleihen keine Finanzprodukte mehr gekauft werden, dann dürfte der Tiefpunkt dieser Krise erreicht sein. Wenn Regierungen dann endlich nicht mehr liberalisieren und kollabierende Banken auffangen, sondern den Finanzsektor an Ketten legen oder die Finanzierung der Realwirtschaft selbst übernehmen, dann wird die Krise produktiv überwunden sein.

 

Man verzeihe diesen Ausflug der Fantasie. Noch ist der Finanzmarkt weit von einer solchen Lage entfernt. Noch immer wird für eine Investmentbank wie Merrill Lynch gutes Geld bezahlt. Noch immer glauben Investoren, es stehe nur eine kleine Delle im Gewinnzyklus bevor, danach gehe es wieder aufwärts. Die Lehman-Pleite wurde am Montag von einigen bereits hoffnungsfroh als Wende- und Tiefpunkt der Krise interpretiert. Ich glaube das nicht.

 

Lucas Zeise ist Finanzkolumnist der FTD. Er schreibt jeden zweiten Dienstag an dieser Stelle.