Missouri, das
Orakel der Demokraten
von Sabine Muscat (Washington)
Der Grund, warum
nach dem Super Tuesday der Demokraten weiter alles offen
ist, hat einen
Namen: Missouri. Der Bundesstaat
im Mittleren Westen hat in der Vergangenheit immer ein sicheres Gespür
für den Kandidaten bewiesen, der sich
letztlich durchsetzte.
Auch gestern haben
die Wähler in Missouri ihr mit
Spannung erwartetes Urteil gesprochen: 49 zu 48 für Obama. In keinem anderen der 22 Bundesstaaten, in denen gestern demokratische
Vorwahlen stattfanden, fiel das Ergebnis
so knapp aus. Doch zeigt der
Durchschnitt aller Staaten das gleiche
Patt: 11 für Obama, 11 für Clinton
- sollte sie New Mexico gewinnen, wo die Stimmen
noch nicht fertig ausgezählt sind.
Die Zerrissenheit der Demokraten, zwischen der ersten Frau und dem ersten
Schwarzen zu wählen, die sich um das Präsidentenamt bewerben, ließe sich in Worten nicht besser beschreiben
als in dieser Wahlgraphik, in der zwei gleich große
Halbkreise aufeinander treffen. Obama und Clinton
sind das
Yin und Yang der Demokratischen
Partei. Sie mögen einander bis aufs
Zahnfleisch bekriegt haben. Obama, der Heiler. Clinton,
die Problemlöserin. Die Programme
der beiden Politiker sind
einander zum Verwechseln ähnlich, doch ihre Biografien
und ihre Politikstil spalten die Partei.
Nicht nur im Brennglas Missouri
können beide den gestrigen Abend
als Sieg verbuchen. Clinton
gewann die Bundesstaaten Kalifornien und New York,
die die größte Zahl an Delegierten
zum Parteitag senden. Das gibt
tolle Bilder her - ist aber
nicht entscheidend, da Obama nach dem
proportionalen Wahlsystem der Staaten dort
auch Delegierte abbekommt. Symbolisch fast von größerer Bedeutung für Clinton ist ihr Sieg in Massachusetts,
wo sie Obama schlug, obwohl dieser dort die Rückendeckung des Senators Edward Kennedy hatte - dem jüngeren
Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy.
Doch auch Obama kann zufrieden sein. Er räumte
wie erwartet bei den schwarzen Wählern in Südstaaten wie Alabama
und Georgia ab, während
Wähler mit lateinamerikanischen Wurzeln wie schon bei
vorigen Wahlen zu Clinton tendierten. Doch bewies Obama mit haushohen Siegen unter der
weißen Bevölkerung im Mittleren Westen
wie schon Anfang Januar in Iowa, dass er
nicht nur ein Kandidat für
schwarze Amerikaner ist.
Nun wird es
um jede Delegiertenstimme gehen, die die beiden Kandidaten bei weiteren Vorwahlen
in den nächsten Wochen zusammenkratzen können. Es könnte sich lange hinziehen, im zermürbendsten Fall bis zum Parteitag
Ende August, wo die ungebundenen Superdelegierten das letzte Wort
sprechen werden. Diese Form des Stellungskampfes bietet für die Kandidaten jedoch auch die Gefahr, dass sie sich
aneinander aufreiben statt am politischen Gegner. Hillary Clinton und Barack Obama werden sich etwas
einfallen lassen müssen, wenn sie
ihre enormen Kräfte nicht gegenseitig
neutralisieren wollen.