Ohne Waffen durch den Krieg
Das Massaker
an einem Ärzteteam hat eine Sicherheitsdebatte entfacht. Eine Zusammenarbeit mit dem Militär jedenfalls
nutzt weder den Helfern noch den Soldaten. Nur die Neutralität bietet Schutz. Ein Kommentar
Von
Hauke Friederichs
Datum
9.8.2010
Zehn Menschen wurden in Afghanistan brutal ermordet.
Sie hatten die halbwegs sichere Hauptstadt Kabul verlassen, waren in die Provinz gefahren um der Bevölkerung zu helfen. Die Opfer waren Ärzte, Pfleger,
Dolmetscher und lokale Mitarbeiter. Sie waren in normalen Jeeps ohne Panzerung unterwegs, sie führten keine Waffen
mit sich und hatten keine Sicherheitsleute
dabei. Von einem "feigen Mord" sprach die Bundesregierung zu Recht.
Ein hilfloser Reflex aber ist es,
wenn nun die alte Forderung von Entwicklungsminister
Dirk Niebel und anderen Politikern, Hilfsorganisation sollten doch bitteschön
eng mit Soldaten kooperieren, nun wieder in mancher Kommentarspalte aufgewärmt wird. So fordert die Braunschweiger
Zeitung: "Der Tod der Helfer sollte die Hilfsorganisationen dazu bewegen, ihre Vorgehensweise
zu überdenken. Die Helfer brauchen in Sicherheitsfragen dringend fachkundige Beratung, auch von Seiten des Militärs und im Zweifelsfall bewaffneten Schutz." Das ist blanker Unsinn.
Hätten die Mörder sich von einigen bewaffneten Sicherheitskräften aufhalten lassen? Wohl kaum. In der
Vergangenheit wurden Einrichtungen von Hilfsorganisationen
in Afghanistan angegriffen, obwohl
sie von bewaffneten Guards gesichert waren. Jüngst starben ein deutscher Wachmann
und mehrere Afghanen bei einer Attacke
in Kundus.
Wer nun die Helfer auffordert, den Schutz von Soldaten zu suchen,
verkennt die Situation in Afghanistan. Die Bundeswehr
und andere ausländische Truppen sind gar nicht in der Lage,
allen Hilfsorganisationen sicheres Geleit zu stellen. Hunderte
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind in dem Land aktiv – an allen möglichen Orten: In kleinen, abgelegenen Gebirgsdörfern ebenso wie in Städten an den Hauptstraßen. Um alle ausländischen Helfer und ihre tausende einheimische
Mitarbeiter zu eskortieren, verfügen die Isaf-Kräfte nicht über genügend Soldaten,
Fahrzeuge oder Hubschrauber. Sollten die Helfer also nur noch Menschen versorgen,
die in Regionen leben, in denen die Isaf-Soldaten patrouillieren? Dann wären viele Menschen in vielen Regionen sich selbst überlassen.
Oder den Taliban.
Die Forderung
nach engerer Kooperation zwischen NGOs und Soldaten ist aber
noch aus einem weiteren Grund abzulehnen. Denn arbeiteten die Helfer an der
Seite des Militärs wären sie keineswegs
weniger gefährdet. Schließlich sind Soldaten das primäre Ziel der Taliban und Terroristen. Die Aufständischen schlagen mit Sprengfallen,
Raketen und Mörsern zu – zynisch gesagt:
Helfer sind in Begleitung von Soldaten stärker bedroht als ohne.
Zu helfen, wo
Hilfe nötig ist – das ist das Ziel der NGOs. Ganz gleich, ob in einer Region Soldaten stationiert sind oder nicht. Deshalb
arbeiten Hilfsorganisationen
auf der ganzen Welt in Gebieten, in die sich die meisten Menschen völlig zu Recht
nicht trauen. Auch die Arbeit in den Townships
von Johannesburg, den Slums von Rio de Janeiro, den Koka-Anbaugebieten
Kolumbiens oder den Ölfördergebieten Nigerias kann tödlich enden.
Dort sind Sicherheitskräfte,
denen man trauen kann, meist sehr
selten.
Und was sollen
Organisationen machen, die in Krisengebieten wie Somalia, in Darfur, im Kongo, in Nordjemen oder im pakistanischen
Swat-Tal tätig sind? Sollen diese Gesellschaften
warten, bis
aus einer UN-Beobachtermission ein robuster Blauhelm-Einsatz wird? Bis der
Bundestag beschließt, deutsche Soldaten
zu entsenden? Oder sollen sie im
Schutz von lolaken Armeen arbeiten, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden?
Niemand würde fordern,
dass sich die Welthungerhilfe oder Ärzte ohne Grenzen
unter den Schutz eines Warlords wie Charles Taylor
stellen, der von Liberia aus an den Kriegen
in den Nachbarländern verdiente
und heute als Angeklagter vor dem Internationalen Kriegsgerichtshof steht. Oder dass Helfer, die im Sudan tätig sind, sich von Soldaten des Präsidenten Omar al-Bashir beschützen lassen, der
wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht wird.
Dennoch sind Helfer
im Sudan tätig – ohne Soldatenschutz. Die Unschuldigen in Kriegs- und Krisengebieten benötigen stets dringend Hilfe. Und sie sollten sie
auch bekommen, wenn die Hilfsorganisation zu dem Schluss
kommt, dass sie in der Region arbeiten können. Deshalb waren viele
Organisationen in Afghanistan aktiv,
lange bevor die Amerikaner 2001 die Taliban von der
Herrschaft vertrieben.
Die meisten
Organisationen verweisen
auf die Neutralität oder zumindest Überparteilichkeit, die
ihr bester Schutz sei. Diese Idee
ist wahrlich nicht neu – sie
bleibt dennoch richtig. Der Schweizer Henry
Dunant formulierte bereits
1862 die Idee von unabhängigen
Freiwilligen, die in Kriegen
Verwundeten helfen sollten. Daraus entstand das Internationale Rote Kreuz, das bis
heute als neutral gilt.
Natürlich kann die Unabhängigkeit von allen Konfliktparteien kein absoluter Schutz sein: Die Organisation Ärzte ohne Grenzen
(MSF) musste 2004 die Arbeit in Afghanistan einstellen,
weil mehrere Mitarbeiter ermordet wurden und die Sicherheitslage unberechenbar wurde. 2009 kehrte MSF dorthin
zurück, um das Leid der Bevölkerung zu mildern. Forderungen
nach engerer Kooperation zwischen zivilen Organisationen und Militär weist MSF
zurück. Und selbst staatliche Organisationen fahren nicht im
Bundeswehr-Konvoi durchs
Land. Und sie bringen auch ihre Mitarbeiter
nicht in Militär-Feldlagern
unter.
Wer aber glaubt,
dass die NGOs nichts für ihren Schutz
ihrer Angestellten tun, hat von ihrer Arbeit schlichtweg keine Ahnung: Zahlreiche
Nichtregierungsorganisationen unterhalten
gemeinsam das Afghanistan NGO Safety Office, das einen Benachrichtigungsservice
per SMS, E-Mail und Funk betreibt
und kurzfristig vor möglichen Gefahren warnt.
Das kann
kein hundertprozentiger Schutz sein – den haben aber Journalisten
auch nicht, die aus Kriegsgebieten berichten und längst nicht alle "embedded" sind. Vor den Kriegen
in Afghanistan und Irak war es
eine Selbstverständlichkeit,
dass Organisation für humanitäre- und Entwicklungshilfe
ohne Anbindung an das Militär tätig
sind. Die ständigen Forderungen aus dem Entwicklungs- und Verteidigungsministerium, die NGOs müssten
stärker mit der Bundeswehr kooperieren, schadet der Sicherheit
er Helfer nur. Vom Roten
Kreuz verlangt schließlich auch niemand, die Neutralität aufzugeben.