Guantanamo-Häftlinge
Merkel verspielt eine große Chance
Von
Martin Klingst, Washington
US-Präsident Obama braucht Hilfe bei der
Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen. Deutschland macht
hier mit seiner fehlenden Solidarität einen schweren Fehler. Ein Kommentar
Es stimmt
immer noch: Das Verhältnis zwischen Deutschland
und Amerika ist
im Großen und Ganzen gut. Barack Obama schätzt den kühlen Verstand der Kanzlerin.
Und die Regierung in Berlin zählt
nach wie vor zu den wichtigsten
Verbündeten der Vereinigten Staaten.
Und trotzdem
droht die Bundesregierung mit ihrer bockigen
Haltung in Sachen Aufnahme von Guantánamo-Gefangenen
eine riesengroße Chance zu verspielen. Ein bisschen guter Wille im Kanzleramt
und im Bundesinnenministerium
– und Amerikas Präsident würde sich vor
Dankbarkeit kaum mehr einkriegen. Ein positiver Wink aus Berlin würde ihm den Rücken
stärken. Obama braucht
jetzt dringend Hilfe bei seinem
Plan, das Gefangenenlager bis zum 20. Januar 2010 aufzulösen. Doch stattdessen stößt er überall auf Widerstand – nicht nur daheim, sondern
fast in der ganzen Welt.
"Löffelt die Suppe,
die ihr euch eingebrockt habt, gefälligst selber aus", schallt es ihm schnöde
entgegen.
Deutschland
macht einen schweren Fehler, denn ein wenig
mehr Solidarität mit den Vereinigten Staaten würde sich
schnell auszahlen. Vor allem
dort, wo
die Bundesregierung sich amerikanisches Entgegenkommen wünscht: beim Klimaschutz,
in der Raketenschutzschild-Frage
und so weiter. Endlich hat
Deutschland den Präsidenten, den es
sich schon immer wünschte: friedliebend, zuhörend, empathisch und partnerschaftlich.
Doch es lässt ihn
im Stich.
Es ist
schon peinlich, dass statt Deutschland jetzt ein Staat,
den bis Dienstag kaum jemand kannte,
geschweige denn auf der Weltkarte fand,
17 Uiguren aus dem amerikanischen Militärgefängnis eine neue Heimat bieten
will. Der Präsident von
Palau, Herrscher über 230 Inseln und 20.000 Menschen, verkündete soeben: Wir sind
bereit!
Um die Beherbergung
dieser einst in Afghanistan
aufgegriffenen Uiguren hat Amerika auch die Bundesregierung gebeten. Sie gehören zu
einer in China unterdrückten
muslimischen Minderheit und
müssen bald auf freien Fuß gesetzt werden,
weil sich
der ursprüngliche Terrorismusverdacht gegen sie nicht belegen
lässt.
Nach China können sie nicht zurück,
weil das Regime in Peking sie sofort ins Gefängnis sperren würde. Bundesinnenminister Schäuble liegt deshalb
seit Wochen eine Liste mit
den Namen vor. Die meisten der Uiguren
wollen auch am Liebsten in die Bundesrepublik, weil dort
– vor allem in und um München herum – schon etliche aus
ihrer Volksgruppe leben.
Natürlich kann Deutschland nicht blind Ja
zum Aufnahmebegehren sagen, manche Vorbehalte
haben durchaus Gewicht: Sind die Uiguren wirklich so harmlos wie manche jetzt
behaupten? Oder wurden
sie, wie andere meinen, vor den Anschlägen vom 11. September 2001 in afghanischen Trainingslagern zu islamistischen Kämpfern ausgebildet? Warum gewährt Washington den Deutschen nicht volle Akteneinsicht, sondern spielt den Geheimniskrämer? Und warum
nimmt Amerika nicht selber einige
Uiguren auf? Es ist schon sonderbar, dass die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten um Hilfe bitten, sich selber aber die Guantánamo-Gefangenen möglichst vom Hals halten wollen.
Gleichwohl: Die deutsche Regierung,
die einst zu den schärfsten Kritikern Guantánamos gehörte, hätte erst einmal
großzügig Ja sagen können – und dann die einzelnen Bedingungen des Asyls beinhart hinter den Kulissen aushandeln können. Aber wie man seit dem
Fall Kurnaz weiß, herrscht in Berlin in Sachen Guantánamo
zweierlei Maß. Man schwingt öffentlich die Moralkeule, aber stellt sich taub,
wenn geholfen werden soll. Zudem
ist es
nicht auszuschließen, dass die Uiguren der Kanzlerin und vielen ihrer Minister noch aus einem
anderen Grund höchst unwillkommen sind: Merkel & Co wollen es sich im
Augenblick der wirtschaftlichen Malaise nicht ausgerechnet mit der chinesischen Regierung verscherzen.
Das missmutige
Hin und Her in Berlin, die kleinkarierte Bedenkenträgerei –
all das hinterlässt derzeit
in Amerika keinen guten Eindruck. Es fiel auch
auf, dass Angela Merkel, vielleicht
unbewusst und sogar unbeabsichtigt, bei Obamas Deutschlandbesuch vergangene Woche meist mit heruntergezogenen
Mundwinkeln herumlief.
Deutschland wirkt irgendwie verbohrt und stur – und tut sich damit keinen Gefallen.
Vier Uiguren aus Guantánamo, heißt es, wollen
immer noch nach München. Die Bundesregierung hat also noch eine Chance.