Joe Biden bekam auf der Münchner Sicherheitskonferenz den längsten und lautesten Applaus – trotz eines imperialen Auftrittes, der Mussolini ein »Mamma mia!« entlockt hätte. Ein eigenes Rednerpult hatte der US-Vizepräsident in den Bayerischen Hof mitgebracht; das halbe München musste lahmgelegt werden, um dem 20-Wagen-Tross das Durchpreschen zu erlauben.
Und doch: Im Saal war das kollektive Aufatmen mit Händen zu greifen, »wir wollen Amerika wieder lieben« war die stumme Botschaft. Selbst der russische Vizepremier Sergej Ivanow schnurrte wie ein Kätzchen im Vergleich zu Wladimir Putin, der den USA vor zwei Jahren am selben Ort praktisch den zweiten Kalten Krieg erklärt hatte.
Das erinnert an den jüdischen Witz, in dem ein armer Mann sich beim Rabbi beklagt, sein Ein-Raum-Häuschen mit sechs Kindern, der Frau, den Schwiegereltern teilen zu müssen. Er möge den Ziegenbock dazuholen, rät der Rabbi. Nach einer Woche kommt der Mann verzweifelt zurück; er halte es nicht mehr aus. »Gut«, sagt der Rabbi, »nimm den Stinkbock wieder raus.« Wie es ihm jetzt gehe, wollte der Weise tags drauf wissen. »Wunderbar!«
Der Ziegenbock (alias George W.) ist weg, aber die Fakten bleiben. Amerika ist immer noch die einzige Weltmacht und Europa bloß die stärkste Friedensmacht. Die Interessengegensätze sind ebenso wenig verschwunden wie die vielen Leute im Häuschen. Aber die Einwohner des atlantischen Hauses wollen nach acht Jahren Bush wieder zusammenrücken. »Wir sind dabei. Wir werden zuhören. Und werden konsultieren«, rief Biden den Münchnern zu. »Amerika braucht die Welt, (und) die Welt braucht Amerika.«
Der Ton macht die Musik, und deshalb herrschte noch nie so viel eitel Eintracht im Bayerischen Hof. Der einzige Misston kam von dem fürchterlichen Ali Laridschani, dem iranischen Parlamentschef, der als »moderat« gilt: Nach den üblichen Hasstiraden gegen Amerika ließ er wissen, dass es doch »verschiedene Perspektiven« auf den Holocaust gebe. (Aber das sagen Bischöfe wie Williamson inzwischen auch.)
Die Amerikaner sind nur im Ton, nicht in der Sache zurückgewichen. Biden hat auf die Abwehrraketen in Osteuropa nicht verzichtet, Amerika werde »die Verbündeten und die Russen konsultieren«. Den Iranern hat er zwar Gespräche angeboten, aber zugleich »Druck und Isolierung«, so sie am Terrorismus und an der Bombe festhalten. Die Russen? »Wir werden nicht in allem mit ihnen übereinstimmen.« Afghanistan? Die Obamaner fordern keine neuen Truppen von den Deutschen mehr. Aber es werde noch so viel gebraucht, erklärte der neue Sicherheitsberater James Jones: Ausbilder, Pioniere, Hubschrauber, Aufklärer… Biden warf auch die »Energiesicherheit« ins Spiel. Davon werden wir demnächst aus Washington hören: Energie müsse nicht nur als Klima-, sondern auch als Sicherheitsfrage behandelt werden, und Europa sei viel zu abhängig von den Russen.
Den herzlichsten Applaus bekam Henry Kissinger bei einer privaten Soiree, als er bekannte, warum er so gern in München sei: »Dies ist der einzige Ort, an dem man mich nicht fragt, wo mein Akzent herkommt.«