Politik ohne Sex
Carolin Emcke fragt
sich, warum sie sich für
Palins Tochter und Obamas Stiefvater interessieren sollte
Was ich
nicht verstanden habe, ist
die Aufregung um Sarah Palin. Sie,
die unerfahrene, international ahnungslose
Gouverneurin des Zwergenstaates
Alaska wurde von John McCain auserwählt,
Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten zu werden, und alles, worüber die Medien sich echauffieren,
ist die Tatsache,
dass ihre 17-jährige unverheiratete Tochter ein Kind erwartet?
Sarah Palin
ist nicht nur gegen die Abtreibung.
Sie ist
auch gegen sexuelle Aufklärung in Schulen, weswegen es in beiderlei Hinsicht absolut naheliegend scheint, dass ihre Tochter
im Teenageralter ein Kind zur Welt bringen wird. Da
Palin zusätzlich gegen Sex vor der Ehe
ist, scheint es ebenso naheliegend,
dass ihre plötzlich allseits bekannte Tochter Bristol nun zur Heirat genötigt
werden muss, damit deren Kind zwar in Sünde gezeugt, aber nicht geboren
würde.
Soviel zur Logik der religiös-pragmatischen Vernunft.
„Was für
eine schöne Familie“, sagte nun John McCain
am Mittwoch auf dem Nominierungsparteitag bei seinem überraschenden Auftritt nach der
Rede von Sarah Palin. Und er
hatte Grund, die Familienfrage zu betonen, denn Palin hatte es geschafft,
die Republikaner davon zu überzeugen, dass jeder religiöse
Wert, der unterwandert wird, sogleich in die Bestätigung eines anderen Werts umgedeutet
werden kann. In ihrer Familie gab es zwar Sex, wo eigentlich keiner sein durfte,
aber dieser gleichsam ungewollte Sex führte immerhin zu einer gewollten
Schwangerschaft, und das ist
ja in der Überzeugung der religiösen Rechten ohnehin der einzige
Grund für Erotik.
Nun wird
die Aufregung um Palin vermutlich abebben. Die Kritik an ihr stempelte
sie ab als mediale Propaganda gegen eine Außenseiterin.
Die mediale Inszenierung der Kandidaten-Familien als Teil
der Werbung um Wählerstimmen wird aber weitergehen.
Und das habe
ich noch nie verstanden: Warum sollen mich die Ehemänner oder -frauen, ihre
Mütter oder ihre Kinder überhaupt interessieren?
Was für eine
Rolle spielt es, ob Sarah Palins Ehemann trunken am Steuer Auto fuhr, ob ihre Teenager-Tochter guten oder schlechten
Sex hat, ob Barack Obamas Stiefvater
ihm in Indonesien Boxen beigebracht hat? Warum muss ich mir anschauen, wie die beiden kleinen Töchter von Obama im Scheinwerferlicht einer überdimensional inszenierten Massenveranstaltung
in Denver auf der Bühne bereits winken wie Püppchen, deren
Batterie dem Ende zuneigt? Warum
sollte es relevant sein, ob John McCain mit seiner
Frau Cindy glücklich liiert
ist?
Von mir aus könnten
Sarah Palins Kinder keinen
Sex haben, John McCain könnte
unverheiratet sein und Obamas Kinder könnten zu Hause mit
einer Carrera-Bahn spielen. Sie alle könnten
schlechte Ehemänner und Ehefrauen sein, sie könnten ins
Bordell gehen und anschließend darüber ihre Familien belügen.
Was mich interessiert, ist nur die Frage,
ob sie als Politiker in der Lage sind zwischen
privaten und öffentlichen Belangen zu unterscheiden.
Also, ob sie ein politisches Programm vertreten, das zwischen privaten Werten und öffentlichen, politischen Gütern zu differenzieren
weiß, das bestimmte Fragen wie die der Ehe, der
Familie oder der Sexualität als Fragen des individuellen Glücks und guten Lebens begreift,
und andere, wie die der Sozialversicherung, des Zugangs zu Bildung
oder des Schutzes vor Diskriminierung und Gewalt als Fragen
der Gerechtigkeit zu erkennen vermag.
Was mich interessiert, ist, ob Politiker in der Lage sind
zwischen individuellen und kollektiven Werten, subjektiven Neigungen und verallgemeinerbaren Normen zu unterscheiden. Weder begeistert noch stört es
mich, wann
Sarah Palins Tochter Sex hat,
weder begeistert noch stört es
mich, ob Palin aus religiösen Gründen eine Abtreibung ablehnt oder sie
für sich ein Leben mit
einem gleichgeschlechtlichen
Partner für unvorstellbar hält. Politisch relevant ist lediglich, ob sie aus ihren
eigenen privaten Glaubensvorstellungen ein Dogma für andere ableitet,
ob sie eben diese religiöse oder kulturelle Vorstellung vom gelungenen Leben nur für sich
selbst inkonsequent lebt, oder ob sie
dieselbe Heuchelei oder aber eine
konsequentere Umsetzung von
anderen verlangt.
In diesem
Sinne ist mir daher die „schönste Familie“ noch die von Angela Merkel - die
nämlich weitgehend unsichtbar ist.
Carolin Emcke ist Journalistin und lebt in Berlin www.carolin-emcke.de