Bye, bye, Bush!

Der amerikanische Präsident geht. Keiner in Europa weint ihm eine Träne nach, vielen aber kam er sehr zupass

Von Joachim Fritz-Vannahme

11.6.2008

Paris, Rom, London, Berlin im Schweinsgalopp, zudem noch einen Abstecher ins slowenische Idyll Brdo – George W. Bushs Abschiedstournee durch halb Europa unterscheidet sich kaum vom Abstecher amerikanischer Touristen in die Alte Welt. Rund 80 Prozent der Europäer lehnen heute die Politik dieses Präsidenten ab, verkünden die Umfragen. Der Mann, so räsoniert Altaußenminister Hans-Dietrich Genscher, habealles getan, um den Abstand zwischen den USA und Europa zu verbreitern“.

Das mögen die meisten so sehen – und übersehen dabei womöglich, dass es nicht ein Mann alleine war, der über dem Atlantik einen Abstand aufreißen ließ, und der Buhmann Bush den Europäern so manche eigene Entscheidung abgenommen oder erleichtert hat.

Der tiefe Wandel der Vereinigten Staaten wurde von Bush mehr begleitet als befördert, wirtschaftlich allemal, auch im Sozialen, und selbst in der Außenpolitik: Mit dem Ende des Kalten Kriegs sahen viele das Pazifische Zeitalter anbrechen. Amerika ist Anrainer am Stillen Ozean und darum mit von der Partie. Die transatlantischen Beziehungen prägen die amerikanische Weltsicht also zwangsläufig weit weniger als in der Vergangenheit, Bush hin, Bush her.

Die Hochrüstungspolitik der Bush-Krieger kritisiert weder ein John McCain noch ein Barack Obama: Fast die Hälfte aller Waffen dieser Welt, im kaum vorstellbaren Gegenwert von über einer halben Billion Dollar leistet sich dieses Land – und schafft es doch nicht, die Erde so sicher zu machen, wie es die eigene Angst vor dem Rest der Welt gerne hätte. Glaubt man den Kandidaten um Bushs Nachfolge, dann wird sich an dieser gewaltigen Verschwendung nichts ändern. Denn gekauft wird von den Amerikanern daheim, ein Wirtschaftskreislauf, der seiner eigenen Vernunft folgt.

Aber reden wir von den Europäern, die diesem George W. Bush keine Träne nachweinen. Ihre Sicherheit verteidigen sie heute auch am Hindukusch, um den ehemaligen deutschen Verteidigungsminister Peter Struck zu zitieren. Aber tun sie es aus Überzeugung, gar aus strategischem Denkenoder nicht doch eher, um die viel beschworene Bündnistreue zu demonstrieren?

Der Irakkrieg hat den Nahen und Mittleren Osten unsicherer gemacht denn je, diesem Vorwurf kann selbst ein Bush nicht länger ausweichen. Der damalige Außenminister Joschka Fischer hatte also recht mit seinem „I am not convinced“, ich bin nicht überzeugt, dass dieser folgenschwere Feldzug das Richtige sei. Allerdings ist Genugtuung wenig hilfreich und schon gar kein Grund zur Schadenfreude: Wissen denn die Europäer, wie sie selbst mit der Krisenregion Nahost umgehen wollen, von Iran nicht zu reden?

Wenn Bush so gerne das Falsche tat, so taten die Europäer darum noch lange nicht das Richtige. Ihr Umgang mit Russland und China bleibt schwierig bis heikel, Afrika rückte viel zu spät ins Blickfeld, Lateinamerika wird mental allmählich wieder zur Terra incognita: Europäische Weltpolitik ergibt das noch lange nicht.

Wir führen mit allen einen friedlichen Dialog, lautet die Devise der Europäer. Gut so, schließlich war dies einmal der Kontinent aller Kriege. Nur sollte man hierzulande (und damit ist die Union der 27 EU-Mitglieder gemeint) gelegentlich innehalten und sich fragen: Ist der friedliche Dialog nun das Ziel oder ist er der Weg, mit dieser komplizierten Welt vernünftig umzugehen? Ist der gern bemühte europäische Multilateralismus in einer multipolaren Welt schon die Antwortoder eher noch die Frage, ein Tasten und Suchen danach, ob es auch mit anderen Mitteln als militärischen möglich ist, die eigenen Interessen, die eigenen Werte da draußen zu vertreten.

George W. Bush hörte nicht zu und schlug alle Weisheit und Warnung in den Wind. Die Europäer reden derweil mit fast allen, auch mit jenen, die in Washington kein Gehör mehr finden. Den Mann im Weißen Haus führte seine taube Art in die weltpolitische Verblendung. Seine europäischen Kritiker allerdings sollten sich vor schnellen Umkehrschlüssen hüten: Die Verblendung des George W. Bush schenkt Europa noch lange nicht die Weitsicht.

Joachim Fritz-Vannahme, langjähriger ZEIT-Redakteur, leitet heute die Europa-Projekte der Bertelsmann Stiftung.