Billiger Voyeurismus gegenüber den USA ist
falsch
Die Enthüllungen
durch Wikileaks schüren in Europa die Freude daran, sich und die USA kleinzureden. Ein Fehler. Denn die Sorgen der USA müssen auch unsere
Sorgen sein.
Den Wikileaks-Gründer Julian Assange hat ein
Fall von Größenwahn gepackt,
er gleicht der Blofeld-Figur, dem Bösewicht in den James Bond-Filmen. „Wir werden eine neue
Welt sehen, in der die Weltgeschichte neu geschrieben werden wird", tönt er seit Langem.
Das ist eine neue Variante des „Griffs nach der
Weltmacht", und das von jemandem,
der sich gleich zur Einleitung
seiner jüngsten Enthüllungen
brüstet, er wolle dem amerikanischen
„Empire" seine Verkleidungen vom
Leibe reißen, es ein für
alle Mal ob seiner finsteren
Machenschaften bloß- und an
den Pranger stellen. Selten hat sich der vorgebliche
Versuch einer Weltbeglückung so durchscheinend selber demaskiert wie hier. Wir erleben so etwas wie das Assange-Leck, die Dekuvrierung dieses
Mannes und seiner durchsichtigen Attacken
auf die „indispensable power", die unverzichtbare
Macht Amerika.
Interpol fahndet
nach Wikileaks-Gründer
Assange
Freilich spekuliert er darauf, dass
der billige Voyeurismus, das Zungeschnalzen über alles, was Amerika misslingt, bei uns und in vielen Teilen der
Welt modisch geworden ist und dass die Fähigkeit zur Bewertung
der Gegenwart weiter abnimmt. Es wächst die Sucht, sich und den Freund vom anderen Ufer des Atlantiks kleinzureden. „Wartet nur ab,
bis ihr
erfahrt, wie wir über euch
denken", winkte ein nicht genannter
ausländischer Politiker die
entschuldigenden Erläuterungen
von Außenministerin Hillary Clinton ab. Das muss niemand abwarten, man kann es sich
denken – oder in einschlägigen Leitartikeln nachlesen. Doch diese jüngsten Wikileaks-Enthüllungen passen in eine Entwicklung, in der die Fähigkeit nachlässt, richtig einzuschätzen, was Amerika für unser aller
Sicherheit bedeutet.
Kehrtwendung in der Selbsteinschätzung
einer stolzen Nation
Assange hat die Verwundbarkeit Amerikas und des Westens scharf erkannt: Es ist
nicht anders als der internationale
Terrorismus, der aus dem Boden
unserer Mutlosigkeit und unseres Defätismus wichtige Nahrung bezieht. Assange weiß um die Psychologie der Amerikaner am Beginn des
21.Jahrhunderts und darum, wie
dramatisch sie sich seit dem
Terrorangriff „9/11" verändert
hat. Wir erleben eine große Kehrtwendung
in der Selbsteinschätzung einer stolzen Nation und wie ihr Gefühl
der Unverletzlichkeit, das praktisch bis ins Jahr 2001 vorherrschte, der Gänsehaut vor
der ubiquitären Bedrohung gewichen ist. Wir haben
das „amerikanische Jahrhundert",
als welches
der große Verleger Henry Luce einst das 20.
beschrieb, hinter uns gelassen und befinden uns im
Jahrhundert eines „Anything
goes", mit neuen Gefahren ringsum und der unbeantworteten Frage nach ihrer
Eindämmung. Das alte
„Containment" verlief wie
nach vereinbarten Regeln. Gegen den technologisch smarten Terrorismus
müssen die Waffen erst noch geschmiedet
werden. Der ruhige Schlaf des Unbedrohten hat sich vielfach zur
Schlaflosigkeit des rundum Bedrohten gewandelt.
Die amerikanischen
Depeschen sind von schwelender Sorge über die Geißel der Gegenwart, die terroristische Gefahr, dominiert, „Sicherheit" ist der Ariadne-Faden.
Am deutlichsten abzulesen
an den Direktiven aus dem State Department, die den diplomatischen
Dienst quasi dazu verpflichten, keine Gelegenheit auszulassen, selbst Kreditkarten und andere persönliche Daten auszukundschaften, weil alles wichtig
sein kann, um im Kampf gegen
den Terrorismus die Vorhand
zu behalten. Auf die Frage „Wo
ist amerikanische ‚homeland
security' heute tangiert?"
antwortet Washington: Überall,
all over the world. Auf Bismarcks Wort, eine Großmacht könne „nirgends desinteressiert" sein, antwortet die amerikanische Politik: Eine Weltmacht
kann sich nirgends unbedroht wähnen.
Eisenhower: „Mein Land will konstruktiv sein, nicht destruktiv"
An dieser Stelle
spekuliert ein Assange auf
den bekannten „disconnect", den Punkt, an dem wir
uns von Amerika geistig abkoppeln und die Rolle des tadelnden Zuschauers übernehmen. Dieser Zuschauer verdrängt das „Tua res agitur", das Wissen darum, dass
es hier nicht
nur um Amerika geht, dass Amerikas
Sorgen auch unsere Sorgen sein
müssten. Wieder einmal erhebt sich
die Neigung zur Äquidistanz in westlichen Köpfen, die Tendenz, die Quelle der gegenwärtigen
Gefahr mit jener Macht auf eine Stufe zu
stellen, die sich ihr in den Weg stellt. Diese
Äquidistanz erlebten die
USA bereits in der Zeit des
nuklearen Patts der Weltmächte, der Ära der
gegenseitig angedrohten Vernichtung: Die Macht, die dem Totalitarismus im Gewand der
alten Sowjetunion die
Parole bot, galt aufgrund ihres atomaren Vernichtungspotenzials als „gleich bedrohlich"
für den Frieden.
Diese immer wieder auftretende Schieflage der Beurteilung, ein grundsätzliches Handicap der amerikanischen Politik, hat bereits einen Präsidenten wie Dwight D. Eisenhower tief beunruhigt. In
seiner berühmten UN-Rede „Atome für den Frieden"
vom 8.Dezember 1953, in welcher
er Moskau die gemeinsame friedliche Nutzung der Atomenergie
anbot, fielen Sätze von zeitloser Relevanz. „Mein Land will konstruktiv
sein, nicht destruktiv", rief
Eisenhower, „der Gedanke, mit einem einzigen
Vergeltungsschlag das Land des Angreifers
in eine Wüste verwandeln zu können,
ist nicht der wahre Ausdruck
der Bestimmung und der Hoffnung der
Vereinigten Staaten. Mein
Land ist dazu da, uns aus den dunklen
Kammern des Schreckens in
das Licht zu führen und einen Weg zu finden,
der erlaubt, dass sich die Köpfe,
die Hoffnung, die Seele der Menschen weiter
nach vorne bewegen können, in Richtung von Frieden und Glück."
Wehe der Verführung
des Voyeurismus
Viel von diesen Hoffnungen ist
verloren gegangen, seit der Terrorismus
versucht, sich zum Herrscher der
Geschichte aufzuschwingen. Und ja,
auch vieles ist verloren gegangen,
wo die USA sich in der Einschätzung der Gefahr geirrt
hatten, etwa gegenüber der Bedrohung
im Irak, und sich in der Folge
grober Menschenrechtsverletzungen
schuldig machten. Aber es hieße,
das Kind mit dem Bade auszuschütten und unsere Gemeinsamkeit mit Amerika zu missachten,
nur weil
bestimmte Aufführungen der „unverzichtbaren Macht" kritikwürdig sind. Wie gut man doch mancherorts, ob in Saudi-Arabien oder China, weiß, was von der Fähigkeit Amerikas abhängt, den Herausforderungen der Gegenwart die Stirn zu bieten
und gegenüber den Saboteuren
einer friedlichen Weltordnung handlungsfähig zu bleiben. Wehe,
wenn wir uns von einem Assange und dem Voyeurismus von Wikileaks verführen ließen, in den alten Habitus der
Äquidistanz zu verfallen und den zungeschnalzenden
Rezensenten Amerikas zu spielen. Vae
victis, wehe den Besiegten.