Kauf dir den Feind

 

von Ansgar Graw

 

Der Abzug der niederländischen Soldaten aus der südafghanischen Provinz Urusgan wird militärisch kompensiert durch Nachschub insbesondere aus den USA. Aber gravierend ist das politische Signal. Die Taliban feiern den Abschied der letzten 150 Soldaten des ursprünglich 1950 Mann starken Kontingents und wissen, dass nächstes Jahr die 2800 kanadischen Soldaten folgen werden. Wenn Truppensteller den Rückzug antreten in einer Situation, in der die Gewalt der Aufständischen zunimmt, breitet sich so etwas wie Endzeitstimmung aus. Auch in anderen Ländern schwindet der Rückhalt für den Kriegseinsatz, der bald so lange andauert wie Erster und Zweiter Weltkrieg zusammen.

 

Das gilt auch für die USA. Noch versichert Barack Obama (anders als der Großteil seiner eigenen Partei), dass es sich um einen "notwendigen Krieg" handele, um einen sicheren Hafen des Terrorismus auszuschalten. Und noch profitiert der Präsident vom vergleichsweise geringen Interesse der Wähler an diesem Thema. Aber wann ändert sich das? Und wann springt der niederländische Funke über auf Großbritannien und Deutschland, den zweit- und drittgrößten Truppensteller? Doch ein vorzeitiger Rückzug der Isaf-Staaten würde nicht nur zu weiteren Zeitungsinterviews der Taliban und zu Freudenfeuern am Hindukusch führen. Das Gegenteil einer Pazifizierung des Weltgeschehens wäre die Folge. Der internationale Terrorismus ist nämlich nicht deshalb aggressiv, weil westliche Truppen in Afghanistan stehen, sondern westliche Truppen stehen in Afghanistan, weil am 11. September 2001 aggressive Terroristen die USA angriffen.

 

Gleichwohl muss sich der Westen eingestehen, dass seine Strategien gescheitert sind. Weder funktionierte das ursprüngliche "robuste" Vorgehen der USA, noch brachte der "vernetzte Ansatz" etwa der Bundeswehr den Durchbruch. Das Grundproblem: Viel zu häufig ging es um die Stärkung Kabuls. Eine neue Strategie muss die Schaffung, Ausstattung und Finanzierung echter Machtzentren in den Provinzen zum Ziel haben. Taliban-Mitläufer sind in allen Regionen gezielt abzuwerben. Anstatt Mohnfelder abzubrennen, sollte die Isaf den Mohnbauern ihre Ernte zum Marktpreis abkaufen und dann vernichten. Die Taliban wären vom Heroinhandel abgeschnitten. Es gilt der Satz: Kannst du den Feind nicht besiegen, kauf ihn dir.