Obamas gefährliche Friedensfarce in Nahost
Christian
Ultsch
01.09.2010
Nach
dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Israel und Palästinensern
folgt Gewalt wie das Amen im Gebet.
Es ist ein absurdes
Theaterstück, das im Weißen Haus inszeniert
wird. Alle Schauspieler, die nach Washington
gekommen sind, wissen, dass die Aussicht auf einen Friedensschluss im Nahen Osten ähnlich
realistisch ist wie der Anblick
eines Schwarms fliegender Kamele in der Antarktis. Doch die beiden Hauptdarsteller, der israelische Premier Benjamin Netanjahu
und der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas, spielen trotzdem mit. Denn
der Intendant, US-Präsident Barack Obama, wünscht sich die Aufführung so sehr. Er hat sogar
schon einen Preis dafür bekommen,
ehe sich der Vorhang überhaupt
gehoben hat: den Friedensnobelpreis.
Und eine solche Auszeichnung verpflichtet natürlich.
Reden ist besser
als Schießen, heißt es. Dagegen
lässt sich aufs Erste schwer
etwas einwenden. Was aber, wenn das Reden nirgendwohin führt und danach noch mehr geschossen
wird? Genau das ist schon einmal
passiert, vor zehn Jahren. Der amerikanische Zampano hieß zu dieser
Zeit Bill Clinton. Er zerrte
den damaligen Ministerpräsidenten
und heutigen Verteidigungsminister
Ehud Barak sowie den mittlerweile
verstorbenen PLO-Chef Jassir
Arafat nach Camp David, um sie
zum Frieden zu zwingen. Die Verhandlungen waren schlecht vorbereitet und scheiterten.
Es folgte
ein Gewaltausbruch, die zweite Intifada der Palästinenser. Barak verlor die
Wahl. An die Macht kam Ariel Scharon. Und er antwortete unerbittlich
auf den Terror. Schließlich ließ
Scharon eine Mauer errichten, um Attentäter abzuwehren. Hoffnung flackerte auf, als er die Armee
aus Gaza abzog. Doch dieses Vakuum füllte die radikal-islamistische
Hamas. Der Gazastreifen wurde
zur Abschussrampe für Raketen, die auf Israel regneten, bis die israelische Armee zum Jahreswechsel 2009 in einem dreiwöchigen Krieg zurückschlug.
Der Flop von Camp David hat
die gemäßigten Kräfte auf beiden Seiten geschwächt.
Die politische Landschaft Israels verschob sich seither nach
rechts. Arafats Nachfolger, Mahmoud Abbas, herrscht
heute nur noch über einen
Flickenteppich im Westjordanland. Den Gazastreifen kontrolliert die Hamas. Allein deshalb ist eine
Zweistaatenlösung praktisch
unmöglich. Denn es gibt de facto einen dritten Staat:
Hamastan. Und was die radikalen Islamisten vom Friedensgipfel in Washington halten, verdeutlichten sie vor Beginn
der Verhandlungen mit einem Anschlag
im Westjordanland, dem vier jüdische
Siedler zum Opfer fielen. Nun sollten sich die Friedenswilligen nicht abhalten lassen von den fundamentalistischen Nein-Sagern.
Das Problem jedoch ist, dass der politische
Wille zum Frieden nicht ausreicht.
Auch wenn Netanjahu,
was manche vielleicht vergessen haben, trotz all seiner Hardliner-Rhetorik
schon einmal, nämlich 1998 in Wye, in einem Abkommen Zugeständnissen gegenüber Palästinensern zustimmte, ist es nur
schwer vorstellbar, dass ausgerechnet er Frieden bringen
wird. Obama musste schon eine Krise
in den israelisch-amerikanischen Beziehungen
heraufbeschwören, bis Netanjahu sich erweichen ließ, den Ausbau jüdischer Siedlungen wenigstens eine Zeitlang einzufrieren.
Diese Frist läuft am 26.September aus. Und
das wird auch gleich der erste
Test für den neuen Friedensprozess. Erweitern die
Israelis wieder ihre Siedlungen, dann werden die Palästinenser die Verhandlungen abbrechen. Verlängert Netanjahu das
Moratorium, dann verliert er Außenminister Lieberman, und
seine Koalition zerbricht.
In diesem Fall könnte er die gemäßigte Oppositionspartei Kadima ins Boot
holen. Der Aussicht auf Frieden wäre das zuträglich. Doch es bliebe immer
noch die Frage, ob und welchen Frieden Netanjahu will.
Zweifelhaft ist jedoch
auch, ob PLO-Chef Abbas stark genug
für Kompromisse ist. In seinen Verhandlungen mit Netanjahus Vorgänger, Ehud Olmert, hatte er
es mit einem
nachgiebigeren Gegenüber zu tun. Olmert
bot ihm Landtausch
an, eine Teilung Jerusalems, eine Lösung der Flüchtlingsfrage
– die ganze Palette eines Friedensabkommens, dessen Umrisse auf dem Papier allen Beteiligten
seit Jahren klar ist. Doch
zur Einigung kam es nie.
Warum sollte es jetzt mit
Netanjahu klappen, der Jerusalem unmittelbar vor Beginn der
Friedensverhandlungen als unteilbare Hauptstadt Israels bezeichnet hat und nie so weit wie
Olmert ginge?
Obama agiert
mutiger als alle US-Präsidenten vor ihm, die das heiße Nahost-Eisen immer erst am Ende
ihrer Amtszeit angriffen. Doch er weckt in einer
ungünstigen Konstellation übertriebene Hoffnungen, die in bitteren Zorn umschlagen könnten. Eher hätte
eine Flugschule für Kamele Erfolg
als seine gefährliche Friedensfarce.