Die Utopie von der Welt ohne Atombomben

 

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

 

Ganz wird man den Geist der Atombombe nicht zurück in die Flasche kriegen. Einen Versuch ist es trotzdem wert.

 

Abrüstung, wer interessiert sich schon für Abrüstung? STARTI, STARTII, ABM – das alles sind Chiffren der Langeweile geworden, die nach der Ödnis des Kalten Krieges klingen, nach Friedensmärschen in selbst gestrickten Pullovern, ungefähr ähnlich spannend wie Karottenhosen, „Knightrideroder ein alter Kassettenrekorder aus den 80er-Jahren. Der „Day after“, das war gestern. Kaum ein Zeitgenosse lässt sich heute noch von der Vorstellung beunruhigen, dass rund um den Globus in tausenden Bunkern Nuklearwaffen schlummern und ein falscher Knopfdruck den Planeten verheeren könnte.

 

Man hat es sich in einer gigantischen Verdrängungsleistung direkt am Vulkan unbeschwert eingerichtet. Es ist ja bisher auch alles gut gegangen; seit 1945 ist keine Atombombe mehr detoniert. Warum also sollte man sich unnütz aufregen, wo doch der Kalte Krieg längst vorbei ist?

 

Genau deshalb. Weil der Kalte Krieg Geschichte ist und dessen überschaubare Regeln nicht mehr gelten. Die These, dass Atombomben letztlich eine Art Lebensversicherung sind, weil sie ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen, war – Stichwort: Kuba-Kriseschon immer etwas gewagt.

 

In der unübersichtlichen Welt von heute lässt sie sich nicht mehr halten. Das Gleichgewicht des Schreckens basierte darauf, dass einander zwei Blöcke gegenüberstanden, die rational handelten. Das Wissen, durch einen Gegenschlag selbst zerstört zu werden, hielt sie ab, Atombomben zu zünden. Dieses Prinzip nannte sich MAD (mutual assured destruction; wechselseitig zugesicherte Zerstörung).

 

In der gegenwärtigen Ära asymmetrischer Konflikte gibt es jedoch von Osama bin Laden abwärts genügend Spinner, die verrückt genug wären, einen Weltenbrand in Kauf zu nehmen. Das Terrornetzwerk al-Qaida hat nachweislich versucht, an Nuklearmaterial heranzukommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bin Ladens Akquisitionsabteilung Erfolg hat, ist höher, je mehr Atomwaffen und Atomstaaten existieren. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum dem Iran und Nordkorea die Bombe aus der Hand geschlagen werden sollte. Denn sonst könnte ein fataler neuer Rüstungswettlauf in Gang gekommen.

 

Am besten wäre es, die Atombomben ganz abzuschaffen. Das haben sich nicht irgendwelche naiven Pazifisten ausgedacht, sondern eine prominente Gruppe amerikanischer Ex-Politiker, die zu ihrer Amtszeit nicht mit romantischen Utopien auffielen, sondern mit knallhartem Realismus. In einem gemeinsamen Brief sprachen sich die ehemaligen republikanischen US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz sowie Ex-Verteidigungsminister William Perry und Ex-Senator Sam Nunn schon Anfang 2007 für eine Welt ohne Nuklearwaffen aus. Ihr Aufruf schlug Wellen, Dutzende Persönlichkeiten schlossen sich an, auch der mächtigste Mann der Welt: Barack Obama outete sich vergangenen Sommer in Berlin vor 100.000 Menschen als Anhänger der Nulllösung. Und an diesem Wochenende brach Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine Lanze für die Idee.

 

Ob wirklich je der Tag kommen wird, an dem auch die letzte Atombombe vernichtet wird, ist natürlich zweifelhaft. Der Aladin der Neuzeit, der den Geist der Atombombe zurück in die Flasche zwingt, ist wahrscheinlich noch nicht geboren. Am Ende wird wohl immer das sogenannteGefangenendilemmaseinen Tribut fordern: Natürlich hätte die Welt am meisten davon, wenn alle ihre Atomwaffen niederlegen. Schön wär's: Für die völlige Entwaffnung aber wird das Vertrauen in die anderen vermutlich nie ganz reichen.

 

Doch es wäre auch schon viel gewonnen, wenn die Atommächte mit ersten Abrüstungsschritten begännen. Es ist völlig hirnrissig, weltweit 27.000 Nuklearbomben gebunkert zu haben, wenn auch ein Zehntel davon locker für die Zerstörung des Planeten langt. Ausmisten sollten da vor allem die USA und Russland, die über 90 Prozent aller Atomwaffen besitzen.

 

Sie kämen damit auch einem Versprechen nach, das sie 1968 im Atomsperrvertrag abgegeben haben und seither nicht halten. Der Deal, den ein gewisser George W. Bush mit der Entwicklung von Mini-Nukes und anderen Alleingängen löchriger als Schweizer Käse machte, lief damals nämlich so: Die Habenichtse verzichten auf die Bombe, und die Atommächte arbeiten im Gegenzug auf eine komplette Abrüstung hin. Mehr Vertragstreue würde nicht schaden – und verliehe auch der Übung mehr Glaubwürdigkeit, einem Staat wie dem Iran die Atombombe auszureden.