Obama
und die letzte Party des Jahres
2009
CHRISTIAN
ULTSCH (Die Presse)
Jeder weiß: Auch
der 44. US-Präsident wirkt keine Wunder.
Was soll also das Gefasel, er werde alle
enttäuschen?
Kein normaler Mensch mit einem
IQ über 90 erwartet, dass die Wirtschaft gesund wird, wenn
Barack Obama nur ein Wort spricht. Niemand
glaubt, dass sich der Irak
und Afghanistan über Nacht
in Oasen der Friedfertigkeit verwandeln werden, bloß weil
der neue Mann im Weißen Haus
so nett ist und so gut spricht. Nicht einmal Obamas treueste
Groupies halten es für möglich, dass
ab übermorgen alle Amerikaner krankenversichert sein und sich spätestens in zwei Jahren alle
Ozonlöcher schließen werden. Warum also, um Himmels willen, halten sich so viele Auskenner für ganz besonders
klug, wenn sie düster prophezeien,
der 44. US-Präsident werde notgedrungen noch alle bitter enttäuschen?
So what? Klar,
die Obama-Euphorie wird abklingen. Es wäre in der Tat sehr merkwürdig,
wenn von nun an jede Woche zwei Millionen
Touristen nach Washington reisten, um einen Blick von ihrem neuen Messias zu
erhaschen. Natürlich wird die Weltöffentlichkeit in ein paar Monaten
ihre fast schon erotische Beziehung zu dem schwarzen
Charismatiker nicht mehr gar so rauschhaft und ungehemmt zur Schau
stellen. Schon jetzt geht vielen
der Hype um Barack Obama einfach
nur noch gewaltig auf die Nerven. Zu Recht, denn
es wird Zeit, sich einmal genau
anzusehen, ob der gute Mann aus Illinois auch etwas anderes
kann, als mitreißende Reden zu halten und eine
coole Nummer abzuziehen.
Obama selbst
hat seine rhetorische Flughöhe
gedrosselt. Sein Ton ist nüchterner geworden, ernsthafter. Er gibt keine
Heilsversprechen ab. Seit
seiner Wahl ist er bei jedem Auftritt
bemüht, die Bürger auf schwere Zeiten einzustimmen. Die Botschaft ist angekommen. Eine „Times“/CBS-Umfrage zeigt, dass die meisten Amerikaner dem neuen Präsidenten
zwei oder mehr Jahre Zeit geben, um die Wirtschaft auf Trab zu bringen.
Die Bürger sind also weitaus realistischer eingestellt, als dies so mancher mieselsüchtige Amerika-Experte in seiner ach so weitblickenden
Kassandra-Attitüde wahrhaben
will. Obamas Schonzeit könnte trotz aller
Unkenrufe sogar länger ausfallen als die seiner Vorgänger.
Jeder, der einmal
in der Woche den Fernseher aufdreht, weiß Bescheid: Das nächste Jahr, und vermutlich nicht nur das nächste, wird wirtschaftlich mühsam. Warum aber
hätten sich die jubelnden Menschen von Washington
bis Nairobi durch diese trüben Aussichten
die Party verpatzen lassen sollen? Die Zeiten sind schlecht genug,
da schadet ein wenig gute
Stimmung nicht. Die Vereidigung Obamas ist wahrscheinlich ohnehin die einzige globale Party des Jahres. Danach dürften eher Kellerfeste angesagt sein.
Und Grund,
Barack Obama zu feiern, gibt es allemal.
Kaum etwas könnte die Kraft Amerikas, sich zu erneuern,
deutlicher veranschaulichen
als die Inauguration dieses Präsidenten.
Auf den dogmatischen, tölpelhaften
Schwarz-Weiß-Maler namens
George Walker Bush folgt ein
eleganter, neugierig-weltoffener
Intellektueller, der geistig und rednerisch so stark ist, dass er
auch schwierige Sachverhalte begreifen und nuanciert erklären kann.
Auch wenn Obama in Reden hochtrabenden Pathos nicht scheut: Er
hat Realitätssinn und einen
Hang zu pragmatischen, parteiübergreifenden Lösungen.
Das zeigen seine maßvollen wirtschafts- und außenpolitischen
Äußerungen. Und darauf deutet auch die Kür seiner Ministerriege hin: Nächster Pentagon-Chef ist nicht ein
Friedensapostel der Marke Bob Dylan, sondern weiterhin der Republikaner
Bob Gates. Er wird nicht das einzige Zeichen für Kontinuität
bleiben. Außen- und sicherheitspolitisch wird Obama mit wenigen Ausnahmen
(Guantánamo-Schließung) Kurs
halten. Denn die Kehrtwende weg von Bush I hat schon Bush II vollzogen.
Trotzdem hat Obama natürlich ein schweres Los gezogen. Die seligen Zeiten, in denen Amerika auf dem Zenit seiner Macht stand und sich das politische Leben um die delikate, aber völlig unerhebliche
Frage drehte, ob und was der Präsident mit
der Praktikantin tat, sind vorbei. Der
44. Präsident erbt zwei Kriege, die tiefste Rezession seit 80 Jahren und Schulden, deren Höhe dem Normalbürger
eine bisher wenig gebräuchliche Maßeinheit nähergebracht hat: die
Billion.
Obamas Auftakt war bemerkenswert. Doch messen wird man ihn an seinen Taten.
Der 44. Präsident wird das Sympathiekapital, das er weltweit aufgebaut
hat, in den nächsten vier Jahren noch sehr
gut brauchen können; auch sein rhetorisches
Talent, mit dem er sich bisher
aus jeder Bredouille herausgeredet hat.
Wunder sollte niemand
von Obama erwarten, Qualität
und Klasse aber getrost.