Baracks Petroleum
04.06.2010
Von
Malte Lehming
Die Ölkatastrophe
gefährdet die politische Zukunft des amerikanischen Präsidenten. Sein Kalkül war nicht
aufgegangen, seine Hoffnung
enttäuscht worden. Und Mitleid währt
nicht ewig.
An den Fußsohlen des Mannes,
von dem es einst hieß, er
könne übers Wasser wandeln, kleben nun braune Klumpen. Barack Obama kann
zwar nichts für den täglich größer werdenden Ölteppich im Golf von Mexiko. Aber diese Ausrede ist längst keine mehr. Vom
Präsidenten des mächtigsten
Landes der Welt wird erwartet, dass er auch
Imponderabilien zu meistern versteht. Wenn nicht er, wer
dann? Jimmy Carter war nicht
verantwortlich für die Geiselnahme im Iran, George W.
Bush trug keine Schuld an Hurrikan
Katrina. Gemessen wurden sie trotzdem an ihrem Management der Katastrophen. Das ist weder
anmaßend noch unfair, sondern Teil des Amts.
Seit
dem 20.
April, als die Bohrplattform
„Deepwater Horizon“ explodierte,
bahnt sich das Debakel an. Schleichend, stetig, zäh. Durch
das offene Bohrloch strömen jeden Tag rund drei Millionen
Liter Öl ins Meer. Sie verkleben die Kiemen der Fische
und die Federn der Vögel. Viele Tiere verenden
jämmerlich. Das amerikanische
Festland ist
bisher nur zu einem kleinen
Teil betroffen. Noch ist
die Ahnung düsterer als die Realität. Aber es ist alles nur eine Frage
der Zeit. Das wahre
Drama kommt erst noch. Und mit ihm kommen die Bilder, das Entsetzen, die Wut. Vor wenigen
Tagen hat außerdem die Hurrikan-Saison begonnen. Sie beeinflusst die Rettungsarbeiten ebenso wie die weitere Ausbreitung des Ölteppichs. Seit dem 20. April ging alles schief, was schiefgehen konnte. Auch wer sich künftig
nur aufs Glück verlässt, wird von diesem wohl verlassen sein.
Obama verließ
sich nicht allein aufs Glück,
sondern ernannte ausgerechnet den Brandstifter zum obersten Feuerlöscher.
Er beauftragte British
Petroleum (BP) mit der Lösung des Problems. Dafür gab es zunächst eine
einfache Erklärung: Nur der britische
Konzern schien über das notwendige Wissen und Gerät zu verfügen, um in 1500 Metern Tiefe eine
offene Ölquelle zu verschließen. Mit jedem Fehlschlag
in dessen Bemühungen aber stiegen die Zweifel, und je größer die Zweifel wurden, desto verzweifelter stand der Präsident da. Sein Kalkül war nicht aufgegangen, seine Hoffnung enttäuscht worden. Doch das Mitleid mit ihm
währt nicht ewig. Plötzlich wird Schicksal als Versagen
wahrgenommen, Pech als Unvermögen.
Amerikaner lieben die Natur. Ihre Nationalparks,
Wildtierschutzgebiete und Staatsforsten
umfassen ein gigantisches Gebiet. Diese Naturverbundenheit drückt sich freilich
eher in einem Bedürfnis nach spiritueller Erbauung aus als
in dem ökologistischen Weltverbesserungswunsch vieler Europäer. Überdies sind gerade
die Bewohner der Golfregion sehr katastrophenerfahren – und entsprechend
unaufgeregt. Aber Amerikaner glauben auch an die Möglichkeiten
moderner Technik. Dass diese Ölquelle
am Boden des Meeres sich partout nicht stopfen lassen will, empfinden sie als
Verhöhnung.
Jimmy Carter und das Geiseldrama im Iran, George W.
Bush und das Wüten von Hurrikan
Katrina in New Orleans: Obama weiß, wie gefährlich ihm solche historischen
Analogien werden können. Und im Spätherbst wird gewählt. Die Parlamentsmehrheit
der Demokraten im Kongress steht
auf der Kippe. Sollten ausgerechnet die ölbohrungsfreundlichen Republikaner
von der größten Ölkatastrophe der Vereinigten Staaten profitieren, würde sich zum Drama die Tragik gesellen. Die Teerklumpen an Obamas Fußsohlen dürfen ihn nicht jetzt
schon zur lahmen Ente machen.