Noch ein Bruch
Die amerikanische
Stammzellforschung wird wieder gefördert. Dass die führende Wissenschaftsnation nun auf einem
der wichtigsten Gebiete der medizinischen
Grundlagenforschung wieder an Bord kommt,
nützt der ganzen Welt.
Von Hartmut Wewetzer
Es war ein
Tag, auf den amerikanische Forscher
und Patientenorganisationen lange gewartet haben: Am Montag schaffte der amerikanische
Präsident eine große Barriere für die US-Stammzellforschung aus dem Weg.
Barack Obamas Vorgänger hatte die Förderung der Stammzellforschung aus Bundesmitteln weitgehend blockiert. Für George Bush
war nicht akzeptabel, dass für das Herstellen
menschlicher embryonaler Stammzellen Embryonen im Frühstadium zerstört werden.
Bushs Verbot ist nun Geschichte, auch wenn es noch
eine weitere Hürde gibt. Der
Dickey- Wicker-Gesetzesanhang, bereits
unter Bill Clinton beschlossen,
verbietet es, Experimente an menschlichen
Embryonen mit Bundesmitteln zu finanzieren. Das bedeutet, dass amerikanische Forscher zwar künftig
an embryonalen Stammzellen forschen, sie aber nicht
aus Embryonen gewinnen dürfen. Jedenfalls nicht mit Geld aus dem US-Haushalt.
Trotzdem ist
klar, dass die amerikanische Stammzellforschung
nun an Fahrt gewinnen wird. Zähneknirschend mussten US-Wissenschaftler in den
letzten Jahren zusehen, wie großzügige
staatliche Förderung in Großbritannien, Israel, Skandinavien
und selbst im katholischen Spanien die Erforschung menschlicher embryonaler Stammzellen ermöglichte. Viele amerikanische Forscher brachte das in offene Opposition zur Bush-Regierung, Kalifornien legte ein milliardenschweres Förderprogramm auf, die Harvard-Universität
errichtete ein Zentrum aus eigener
Kraft.
Dass die führende Wissenschaftsnation nun auf einem
der wichtigsten Gebiete der medizinischen
Grundlagenforschung wieder an Bord kommt,
nützt der ganzen Welt. Das Potenzial der Stammzellen ist groß,
es reicht von der Bekämpfung chronischer Krankheiten wie Diabetes und Parkinson bis zur Behandlung von Verletzungen etwa des Rückenmarks. Zudem helfen Stammzellen,
Krankheiten zu verstehen.
Die größten
Fortschritte wurden in den letzten Jahren gar nicht mit Stammzellen
aus Embryonen erzielt, sondern mit umprogrammierten „erwachsenen“ (adulten)
Zellen, etwa aus der Haut. Das ist ethisch
viel unproblematischer. Besonders in Deutschland wird jedoch gern versucht, die verschiedenen Ansätze gegeneinander auszuspielen, im Sinne von „guter
Forscher, böser Forscher“. Aber das ist unsinnig.
Man braucht auch weiterhin embryonale Stammzellen, um den Vergleich zu haben und ein
gesichertes wissenschaftliches
Fundament zu schaffen.
Es werden
noch Jahre vergehen, bis Therapien
auf Stammzellbasis patiententauglich
sind. Deutschland
mit seinem strengen Stammzellgesetz hat noch Bedenkzeit. Aber irgendwann wird sie abgelaufen sein. Vermutlich werden die gleichen Politiker, die heute aus moralischen Gründen eine Lockerung
ablehnen, dann für diese plädieren.
Aus moralischen Gründen,
versteht sich.
(Erschienen
im gedruckten Tagesspiegel vom 10.03.2009)