Die
Stunde der Wahrheit naht
Gudrun Harrer
21. August 2011
Wenn der Libyen-Konflikt entschieden ist, muss sich die Nato sofort
zurückziehen
Der letzte
arabische Revolutionär der politischen Nasser-Generation
wird durch eine Revolution hinweggeschwappt.
Es ist allerdings eine Revolution der besonderen Art, begonnen als lokaler Aufstand
im vomRegime schlecht behandelten Osten des Landes, der sich durch
eine - von der Nato aus der
Luft unterstützte - Rebellenarmee in den Westen fortsetzte - mit angesichts des Widerstands wachsenden Zweifeln, ob dort die allermeisten diese Revolution auch wirklich wollen.
Die Gaddafi-Front hat erstaunlich lange, ein halbes Jahr,
gehalten. Das System, für das die Loyalistenarmee
kämpfte, hat seine Klienten
ganz gut ernährt, dafür sorgte schon
das libysche Ölgeld. Sie hatten
viel zu verlieren.
Bei einigen wird auch die Behauptung
Gaddafis, dass in Libyen eine imperialistische
oder eine Attacke Al-Kaidas - oder beides kombiniert,
das geht in diesem Denken durchaus
- abzuwehren ist, gegriffen haben.
Die Nato
hat immerhin die Bedingung
des Uno-Sicherheitsrats, keine
"Eroberungsarmee" zu
senden, strikt erfüllt, wenn auch
zweifellos Kommandos aus Nato-Mitgliedsstaaten zuhauf auf libyschem Boden waren. Es wird sehr wichtig
sein, dass sich der Westen
sofort militärisch aus diesem Konflikt
zurückzieht, sobald er politisch entschieden
ist. Aufräumen müssen die Rebellen - dann Exrebellen - alleine. Allerdings sollte man sie das nicht ohne
Beobachtung von außen tun lassen. Das
Thema Menschenrechtsverletzungen
wird auch für die Sieger auf den Tisch kommen müssten.
Vertrauen ist nicht angebracht.
Nun geht
es darum, die Post-Gaddafi-Ära mit einer
Transitionszeit zu beginnen, die in ein möglichst demokratisches System führen soll. Analysten
halten Libyen für schwer benachteiligt
im Vergleich mit den beiden anderen Umsturzländern, Ägypten und Tunesien: In beiden Staaten gab es Strukturen und Institutionen, die zwar nur einer politischen
Scheinpartizipation dienten,
aber immerhin, sie sind da und können mit Leben
gefüllt werden.
Oder jedenfalls stellte man sich das so vor. Ganz
so leicht ist es nicht - gerade
auch weil sich alte Strukturen
als sehr beständig erweisen -, und vielleicht ist es für Libyen
ja auch eine
Chance, bei null beginnen zu können. In Gaddafis krauser politischer Welt des Grünen Buchs gibt es
nichts, an das man anknüpfen kann.
Die Rebellen
konnten, ähnlich wie die syrische Opposition heute, die Frage "Wer seid ihr
eigentlich?" am Anfang
nur schwer beantworten. Als eine Antwort jedoch
nötig wurde - denn die Nato brauchte
ja einen
"Partner" -, schufen sie
rasch einen professionell wirkenden Übergangsrat auf geografischer
Basis sowie ein Exekutivkomitee. Zuletzt haben diese Organe
einiges an Überzeugungskraft
eingebüßt, es zeigten sich Brüche,
die in Mord und Totschlag mündeten. Ob der Sieg nun als Kitt
wirkt - oder ob die
Opposition, die nun das gemeinsame
Ziel verliert, daran zerbricht -, wird sich weisen.
Die Stunde der Wahrheit naht.
Ebenso professionell wie im ersten
Moment der Rat klingt dessen Plan für den politischen Übergang: Wahlen für ein
Interimsparlament, das eine neu zu
schreibende, durch ein Referendum zu legitimierende Verfassung verabschieden soll, danach die ersten verfassungsmäßigen Wahlen etc.
Dieses an sich vernünftige Lehrbuch-Skript kann funktionieren, muss aber nicht: Im
Irak führte es in den Bürgerkrieg, weil das Land für
so komplexe politische Prozesse noch nicht
reif war.