Entfremdung in Warschau
Von Ulrich Krökel, Warschau
Was hilft
Ländern wie Ägypten oder
Tunesien auf dem Weg zur Demokratie?
Das wollte US-Präsident Obama mit osteuropäischen Kollegen in Warschau diskutieren. Doch das Treffen offenbarte
Entfremdung: Ausgerechnet der Held der polnischen
Demokratiebewegung gab Obama einen
Korb.
Einige Bewohner von Warschaus
Altstadt wähnen sich in Armageddon, dem Ort der biblischen Endzeitschlacht.
"Wir hätten
unsere Gäste nur mit dem
Hubschrauber einfliegen können", lästert Marek Molenda über
den Ausnahmezustand im Herzen der Hauptstadt.
Sein Restaurant befindet sich zwischen Präsidentenpalast
und Königsschloss, wo zwischen Freitag und Sonntag der Mittel-Osteuropa-Gipfel tagte.
Staatschef aus rund
20 Ländern waren bei dem Treffen
versammelt, doch das Durcheinander haben die Warschauer dem Empfang eines
einzigen Mannes zu verdanken: US-Präsident Barack Obama beendet
seine Europareise mit einer Gipfel-Stippvisite in Polen. Molenda hätte auf den hohen
Besuch allerdings verzichten können. "Das ist nur mit Ärger
verbunden."
Nicht nur Molenda mangelt es an Enthusiasmus. Das Treffen
in Warschau zeigte vor allem, wie
wenig sich der US-Präsident und seine osteuropäischen Kollegen derzeit zu sagen
haben. Dabei hatten sie ein
spannendes Gesprächsthema: Wie können junge
Demokratie gefördert werden, wie sie
gerade in Tunesien oder Ägypten
entstehen? Für viele osteuropäische Länder sind
die Erfahrungen mit der eigenen Demokratisierung
noch ziemlich frisch. Gerade Polen wollte auf dem Gipfel seine Expertise aus den Zeiten der friedlichen Revolution von
1989 anbieten.
Doch ausgerechnet Polens Freiheitsheld, der Ex- Solidarnosc-Führer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa,
sagte seine Teilnahme am Treffen mit Obama kurzfristig ab. Begründung: Es sei wenig mehr als ein Fototermin.
Ein "herber Verlust", wie Präsident Bronislaw
Komorowski offen einräumte.
Die Medien
rätselten über Walesas wahres Motiv. Fühlte er
sich brüskiert, weil der
US-Präsident ihn nicht allein treffen
will? Oder hatte er keine Lust, weil sein Intimfeind
Jaroslaw Kaczynski mit am Tisch sitzt - der
Bruder des 2010 beim Flugzeugabsturz in Smolensk tödlich
verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski? Mit den Kaczynskis hatte sich Walesa einst überworfen, weil
er im Gegensatz
zu ihnen keine Totalabrechnung mit den gestürzten kommunistischen Herrschern wollte. Für Demokratisierung gibt
es eben keine
Patentrezepte.
Michelle kam
erst gar nicht
Auch Obama konnte nur schwer verbergen,
dass er sich
in Warschau einigermaßen fehl am Platze fühlte. Das sonst meist strahlende Lächeln des US-Präsidenten wirkt nach seiner Ankunft
sonderbar gequält.
First Lady Michelle Obama, die noch in London geglänzt hatte, hat sich den Polen-Besuch gleich ganz gespart.
Die Medien des Landes notierten es verbittert
als "unverkennbare Geringschätzung".
Natürlich sagt der
US-Präsident in Warschau auch Sätze wie
diesen: "Wir schöpfen Inspiration aus dem Freiheitsstreben und dem wirtschaftlichen Erfolg in diesem Teil Europas." Polen sei Vorbild und Führungsmacht in der Region.
Doch im Grunde wisse
"Obama mit dieser Weltgegend wenig anzufangen", glaubt der Warschauer Politikwissenschaftler und USA-Experte
Zbigniew Lewicki. Der US-Präsident
habe in Warschau vor allem ein
Signal an die Osteuropäer senden wollen. "Seht her, ich habe
euch nicht vergessen."
Dieser Eindruck hatte sich seit Obamas
Amtsantritt tatsächlich aufgedrängt.
Die Pläne seines Vorgängers
George W. Bush für einen Raketenschild in Polen und Tschechien stampfte der Neue im
Weißen Haus aus Rücksicht auf Moskau ein und brüskierte damit seine Partner in
Warschau und Prag. Auch die von Bush zusammen mit Polen betriebene
Einbeziehung der Ukraine
und Georgiens in die westliche
Staatengemeinschaft ließ
Obama schleifen. Lange vorbei
sind auch die Zeiten, in denen die Bush-Regierung das "alte Europa" der Deutschen und Franzosen kritisierte - und die Polen damit auf eine "special relationship" nach
britischem Vorbild hoffen ließ.
Doch Obama ist
für die Entfremdung mit Osteuropa nicht
allein verantwortlich. Die Ukrainer etwa wählten
vor gut einem Jahr den pro-russischen Wiktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten.
Einen Nato-Beitritt lehnen dort
60 Prozent der Bürger ab, nur
25 Prozent sind dafür. Und auch in Polen ist
von der Orientierung an den
USA nicht mehr viel geblieben. Der rechtsliberale Premier Donald Tusk und sein
Parteifreund Komorowski als Staatschef sind eingefleischte EU-Anhänger und richten ihre Politik im
Zweifel an Brüssel und nicht an Washington aus. "Unserer Regierung
fehlt jegliche Idee, wie wir
die Beziehungen zu den USA weiterentwickeln können", sagt Amerika-Experte Lewicki.
Kampfjets als
Trostpflaster
So hakte Obama mit der polnischen Regierung vor allem
jene Punkte ab, die bereits im Vorfeld der
Visite durchgesickert waren. Die USA
wollen in Polen eine Basis für F-16-Kampfbomber einrichten - eine Art Trostpflaster für den gescheiterten Raketenschild. Und
man will gemeinsam nach Schiefergasvorkommen suchen, die zwischen Ostsee und Karpaten vermutet
werden. In den USA gilt der
Rohstoff als
Heilsbringer für die Zeit nach dem Erdöl.
Polen könnte von bereits vorhandener amerikanischer Fördertechnik profitieren und sich eines Tages aus der Abhängigkeit
von russischem Gas und heimischer
Steinkohle befreien.
Auch
ein zunächst angedachter Abstecherans Grab von
Lech Kaczynski in Krakau bleibt aus. Stattdessen traf sich
Obama in Warschau mit einigen Hinterbliebenen der Flugzeugtragödie von
Smolensk. Auch mit Marta Kaczynska,
der Tochter des getöteten Staatschefs, sprach der Präsident
kurz. Nach dem Absturz im April 2010 hatte Obama eigentlich zum Kaczynski-Begräbnis anreisen wollen. Doch dann verhinderte
die Aschewolke des isländischen
Vulkans Eyjafjallajökull
den Flug über den Atlantik. Diesmal spuckte der Grimsvötn Asche, Obamas Anreise verhinderte er aber nicht. Nach der Visite in Warschau
schien es nicht undenkbar, dass Obama über erneute Flugausfälle nicht unglücklich gewesen wäre.