"Das muss ausgewertet
warden"
Regierung
will Internet-Enthüllungen über
Afghanistan prüfen
Von
Andreas Herholz
Berlin. Guido Westerwelle reagiert als
erster: „Das muss jetzt alles natürlich auch ausgewertet werden, was es hier auch möglicherweise
an neuen Erkenntnissen gibt“, erklärte der Bundesaußenminister gestern am Rande des EU-Außenministertreffens in Brüssel.
Die Bundesregierung will die vom
Enthüllungs-Internetdienst Wikileaks veröffentlichten US-Militär-Akten
zu Afghanistan genau prüfen.
Sind die deutschen
Sicherheitsinteressen von den brisanten
Dokumenten betroffen? Werden hier militärische Geheimnisse publiziert?
Und welches Licht wirft das bisher geheime Material auf den Bundeswehreinsatz? Fragen, die jetzt die Regierung klären muss, die aber auch den Bundestag beschäftigen dürften.
„Das ist innerhalb von wenigen Stunden natürlich noch nicht möglich“, wirbt Außenminister Westerwelle
um Verständnis. Schließlich waren
am Sonntagabend nicht weniger als
91 000 US-Dokumente über
den Afghanistan-Einsatz veröffentlicht
worden. Der liberale Vizekanzler sieht sich jedenfalls in seiner Haltung gestärkt, „dass ich die Lage
in Afghanistan nie beschönigt
habe, immer gesagt habe, das ist eine außerordentlich
ernste Situation dort“. Es müsse mit weiteren Rückschlägen bei der Sicherheitslage
gerechnet werden, warnt der FDP-Politiker.
Zuspitzung der Sicherheitslage,
immer mehr zivile Opfer, geheime
US-Todeskommandos - das erste
Bild, das sich nach Auswertung der Akten abzeichnet,
ist dramatisch. Hinweise darauf, dass auch deutsche Soldaten an illegalen
Militäraktionen beteiligt waren, gibt es
in dem Material offenbar nicht. Doch sollen
laut Aktenmaterial seit Sommer 2009 rund 300 Elitesoldaten der US-Einheit „Task Force 373“ im deutschen Lager in Masar-i-Sharif stationiert sein und von dort aus gezielte Jagd
auf Talibankämpfer machen. Im deutschen Einsatzgebiet
im Norden Afghanistans habe die Zahl der Kampfhandlungen
und der Anschläge deutlich zugenommen. Die Unterlagen belegten, dass die Bundeswehr davon überrascht und nicht ausreichend darauf vorbereitet gewesen sei. Die Sicherheitssituation im Raum Kundus werde „immer brüchiger
und ist nicht stabil“, so bereits damals die Analyse.
Ein
Sprecher von Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nannte
die Veröffentlichung des Materials „bemerkenswert“.
„Nichts Neues im Sinne eines
Nachrichtenwertes“, so die erste
Einschätzung. Schließlich sei der Bundestag über Einsätze der
„Task Force 373“ im Einsatzbereich
Guttenberg verspricht offeneren Umgang der Bundeswehr ständig informiert worden.
Die Opposition widerspricht: Nach Lektüre der US-Dokumente sei es
„verstörend, wie wenig die Bundesregierung das Parlament über die Aktivitäten von amerikanischen Spezialkräften im deutschen Gebiet unterrichtet hat“, klagt Omid Nouripour, sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen und fordert von der Bundesregierung „umgehende Aufklärung“.
Zwar will der Verteidigungsminister die veröffentlichten
Dokumente noch nicht bewerten. Doch spricht sich zu
Guttenberg für einen offeneren Umgang mit dem Afghanistaneinsatz
der Bundeswehr in der Öffentlichkeit aus. In der Vergangenheit, kritisiert er, seien „Realitäten weichgezeichnet worden“